Becker

In Hamburg sagt man „tschüss“, HSV

Nach reiflicher Überlegung wird dies wohl mein letzter Blog-Eintrag zum HSV werden. Das Blog Viertermann.com wird noch bis Ende des Jahres online bleiben, dass es aber danach hier weiter geht, kann ich mir Stand heute nicht mehr vorstellen.

Seit Jahren, ja Jahrzehnten bin ich als Fan von meinem Verein, dem HSV, regelmäßig enttäuscht worden. Nun bin ich wahrlich kein Erfolgsfan und habe auch in schlechteren und ganz schlechten Zeiten immer zum Club gestanden. Aber in den letzten Monaten hat es den Anschein, als sei etwas in mir endgültig zerbrochen, nämlich die begründete Hoffnung, dass dieser einstmals ruhmreiche Club in absehbarer Zeit die richtigen Schlüsse aus dem seit mehr als vierzig Jahren währenden Niedergang ziehen wird.

Einst Nummer Zwei (2!) in Europa (hinter dem FC Liverpool) ist man inzwischen in den Niederungen der 2. Liga angekommen. Und auch hier wurde in der abgelaufenen Saison das sportliche Minimalziel, die sofortige Rückkehr in die 1. Bundesliga, notfalls über den Umweg „Relegation“, leichtfertig erneut verpasst. Ein Scheitern mit Ansage, wie ich finde. Da mochten die ehemals Verantwortlichen noch so sehr die angebliche Ausgeglichenheit der 2. Liga betonen, Tatsache ist, was die finanziellen Aufwendungen für den Kader betraf, so hatte der HSV nur einen ernsthaften Konkurrenten zu fürchten, den 1. FC Köln.

Geld schießt keine Tore, wird der eine oder andere an dieser Stelle einwenden und auf das Beispiel der jüngst aufgestiegenen Paderborner verweisen. Und doch bleibt festzustellen, dass finanzieller Aufwand und Ertrag beim HSV seit Jahren in einem ruinösen Missverhältnis stehen. Anders als bei anderen Vereinen. Auch wenn der Aufstieg der Paderborner einem kleinen sportlichen Wunder gleichkommt, so dürfte im Grunde jedem klar sein, dass diesem Verein, gerade weil er finanziell hoffnungslos unterlegen ist, vermutlich nur eine sehr kurze Stippvisite in der 1. Liga vergönnt sein wird. Merke: Geld allein schießt nicht die Tore, – gerade der HSV hat dies regelmäßig bewiesen! – aber unbestreitbar bleibt eben auch, dass Geld die unverzichtbare Voraussetzung ist, um die Chance des Zugriffs auf talentierte Spieler merklich zu erhöhen.

In der abgelaufenen Saison hatte nur ein Verein, der 1. FC Köln, finanziell gleiche, bzw. bessere Voraussetzungen. In der kommenden Spielzeit wird der HSV nun, sollte der VfB Stuttgart in der Relegation scheitern, mit gleich drei Bundesligisten (Hannover 96, 1. FC Nürnberg und eben dem VfB) konkurrieren müssen, die sicherlich mit aller Macht die sofortige Rückkehr in die 1. Liga anstreben dürften. Es werden also mehrere Mitkonkurrenten am Start sein, die über vergleichbare finanzielle Möglichkeiten verfügen. Dies spricht für die Annahme, dass sich der Wettbewerb, in dem der HSV in der abgelaufenen Saison gemessen an seinen Zielen total versagt hat, weiter verschärfen dürfte. Mit anderen Worten: Den Aufstieg in der kommenden Spielzeit zu erreichen dürfte weit schwieriger werden.

Wolf und Becker entlassen

Von Hannes Wolf als Trainer hat man sich bekanntlich allen Lippenbekenntnissen zu Durchhaltevermögen und Kontinuität anlässlich seiner damaligen Präsentation zum Trotz getrennt. Zur Begründung wurde auf „die unbefriedigende sportliche Entwicklung“ verwiesen. Nun kann man die Arbeit von Wolf sicher an einigen Punkten begründet kritisieren, jedoch sei auf zwei Punkte hingewiesen:

1.) Ihm war keine gemeinsame Sommervorbereitung mit der Mannschaft vergönnt;

2.) Der Kader, mit dem er arbeiten musste, wurde im Wesentlichen von anderen Personen geplant und zusammengestellt. Dass auch er sich hinsichtlich des Leistungsvermögens im Winter tiefgreifend verschätzt hat, hat er selbst eingeräumt.

Ich möchte es so formulieren: Wolf war als Trainer hauptverantwortlich für die Musikauswahl, das Orchester aber, mit dem diese gespielt werden musste, haben im Wesentlichen andere zu verantworten. Der Spielplan, das Ziel sofortiger Aufstieg, war ihm ohnehin von der Intendanz, Bernd Hoffmann, vorgegeben worden.

Am gestrigen Tag verkündete der HSV dann die sofortige Freistellung von Sportvorstand Ralf Becker und präsentierte als dessen Nachfolger Jonas Boldt. Auch Becker sind m.E. Fehler anzulasten, so zum Beispiel sein fragwürdiges Krisenmanagement oder sein naiver Umgang mit einer einschlägig beleumundeten Boulevard-Zeitung, der er (vielleicht) die Freistellung von Wolf nach Saisonende verriet. Aber auch Becker kam erst, nachdem der Kader im Wesentlichen bereits feststand. Und auch Becker arbeitete unter der Zielvorgabe Hoffmanns.

Der AR bewertet da formal zuständig, aber auf Grundlage welcher Qualifikation?

Die Bewertung der unbefriedigenden sportlichen Entwicklung habe den Aufsichtsrat zur Freistellung Beckers veranlasst, verkündete dessen Vorsitzender Köttgen auf der gestrigen PK. Da das von Hoffmann ausgegebene Ziel, sofortiger Aufstieg, verpasst wurde, scheint dies zunächst plausibel und nachvollziehbar. Denn der „Vorstand Sport“ trägt die Gesamtverantwortung für den sportlichen Bereich. Eben so begründet erscheint auch auf den ersten Blick, dass der Vorsitzende des Kontrollgremiums, das formal für die Berufung und Abberufung eines Vorstands zuständig ist, diese Entscheidung auch öffentlich vertritt und begründet. Mehr als fragwürdig ist aber, wer in diesem Gremium über die sportfachliche Qualifikation verfügt, um eine sportliche Entwicklung unter Berücksichtigung aller relevanten Gesichtspunkte sachgerecht zu beurteilen. Die bloße Feststellung, dass das gesetzte Ziel kläglich verfehlt wurde, bedarf im Grunde gar keiner Qualifikation, denn dies ist für jeden Laien mehr als offensichtlich. Anders verhält es sich aber bei der differenzierten Bewertung der dafür maßgeblichen Faktoren.

Traditionell verpasste Ziele

In Hamburg könne man nichts anderes als den sofortigen Wiederaufstieg verkaufen, meint Bernd Hoffmann. Und auch Becker sagte vor einiger Zeit, er könne nicht von Platz 5 (als Zielsetzung) reden. Allen im Detail durchaus unterschiedlichen Ansätzen ehemaliger und aktueller Führungskräfte zum Trotz zeigt sich hier eine bemerkenswert gleichförmige Tradition beim HSV. Es wurden und werden stets hohe und höchste Ziele ausgegeben und vor allem Fantasien verkauft. Eine keineswegs abschließende Auswahl:

  • Jarchows 5-Jahresplan bis zur CL
  • „Aufstellen für Europa“ (HSVPlus)
  • Das unter der Ägide von Beiersdorfer für viel Geld erarbeitete Leitbild spricht ebenfalls unverändert vom europäischen Wettbewerb
  • Beiersdorfer / Bruchhagen: in Hamburg müsse man unbedingt „Stars“ präsentieren
  • Sofortiger Aufstieg

Spöttisch formuliert zeigt sich Kontinuität beim HSV einzig im Primat des vollmundigen Marketings vor sachgerechter, sportfachlich qualifizierter, nachhaltiger Arbeit. Daraus abgeleitet ergeben sich fast zwangsläufig weitere, unrühmliche Kostante:

  • regelmäßiges Nichterreichen des gesetzten Saisonziels.;
  • beständiger Austausch von Entscheidungsträgern;
  • Umbruch als Dauerzustand

Ein fatales Missverständnis in Sachen Zielsetzung

Ziele müssten ambitioniert sein, da andernfalls Stagnation und sogar Rückentwicklung drohten. Mit dieser oberfächlich betrachtet zweifellos korrekten Aussage wird dieser Kurs beständig falscher Ankündigungen und Ziele regelmäßig vereins – und fanseitig gerechtfertigt.

Nüchtern festzustellen ist hier aber zunächst, dass der HSV seine Saisonziele in den letzten Jahrzehnten nur im absoluten Ausnahmefall erreichte. Dies lässt sich sogar für die heute rückblickend von Vielen verklärte Periode unter dem damaligen Duo Hoffmann, Beiersdorfer empirisch zweifelsfrei nachweisen. Ein „ambitioniertes“ sportliches Ziel ist aber grundsätzlich eines, dass im Optimalfall erreicht und gelegentlich sogar übertroffen werden kann. Wer aber derart beständig seine Ziele wie der HSV verfehlt, der muss sich fragen lassen, ob es nicht seine Ambitionen sind, die sich in unrealistischen Zielsetzungen manifestierten, was nebenbei die Wahrscheinlichkeit des Scheiterns dann signifikant erhöht. Abgesehen davon bleibt es eine bisher absolut unbelegte Behauptung, dass man bei Fans, Sponsoren und Medien kein Verständnis für einen sachlicheren Kurs fände. Ich behaupte sogar, dass man durch die damit einhergehenden permanenten Enttäuschungen den Druck selbst verschuldet erhöht. Eben diesen Druck, den man beständig zirkelschlüssig als Begründung für seine kurzatmigen sportlichen und personellen Entscheidungen bemüht.

Keine Zielsetzung ohne Analyse!

Nun also soll es Jonas Boldt richten. Doch wie sieht der Ist-Zustand aus?

  • Boldt wird von Mutzel in den aktuellen Stand der Kaderplanung eingeweiht und sich zunächst einarbeiten müssen.
  • Die Wahl des zukünftigen Trainers steht unverändert aus. Dies ist schon deswegen problematisch, weil der neue Trainer in die Kaderzusammenstellung unbedingt eingebunden werden sollte.
  • Abgänge: Mangala, Hwang, Holtby, Lasogga, Lacroix und Arp sind weg. Douglas Santos soll und will gehen. Weitere Abgänge könnten sein: Ito, Sakai, Pollersbeck, Köhlert, Vagnoman und Papadopoulos u.v.m.
  • Zugänge bisher: Kinsombi, Gyamerah, Dudziak, Hinterseer

Alle anderen Kandidaten möchte ich nicht kommentieren. Ziel bei der Kaderzusammenstellung soll aber die Etablierung einer neuen Achse, einer neuen Strucktur bei den Führungsspielern sein, so hieß es. Dies ist aus meiner Sicht grundsätzlich richtig, notwendig und überfällig, wie ein Blick auf die alte Achse zeigt:

Eine neue Mannschaftsstruktur war auch sportlich unumgänglich

Holtby ist zweifellos ein technisch guter Spieler, der aber bei jedem Trainer der vergangenen Jahre als Stammspieler startete und im weiteren Verlauf zum Ergänzungsspieler mutierte. Der einzige Trainer, unter dem er tatsächlich konstant gute Leistung lieferte, war Christian Titz. Ein Führungsspieler muss aber durch Konstanz den Führungsanspruch untermauern, andernfalls fehlt die Akzeptanz. Dass Holtby in dieser Funktion nicht funktionierte, durfte nicht wirklich überraschen;

Papadopoulos hat eine längst allseits bekannte erhebliche Verletzungshistorie. Seinen langfristigen Ausfall „Pech“ zuzuschreiben, wäre mehr als törricht. Auch der kam praktisch mit Ansage;

Lasogga lieferte, wenn man nur auf Tore oder seine Quote fokussiert. Dabei wird jedoch übersehen, dass die Zeit der reinen Strafraumstürmer vor Jahren bereits abgelaufen war (Stichwort: B. Romeo). So wie ein Verteidiger heute selbstverständlich auch seinen Beitrag für die Offensive leisten muss, so muss ein Stürmer heute läuferisch auch stark zurückarbeiten. Lasoggas technische Defizite und seine klar erkennbare läuferische Unterlegenheit verunmöglichten ein schnelles Umschaltspiel durch das Zentrum und zwangen grundsätzlich zu einem Spiel über außen. Auch wenn das letzte Saisonspiel gegen Duisburg sportlich bedeutungslos war, so kam es nicht gänzlich von ungefähr, dass man mit schnelleren und technisch besseren Spielern wie Köhlert und Arp auch auf engerem Raum plötzlich Lösungen fand;

Dass Hunt in seinem Alter nicht robuster wird und daher mit Ausfallzeiten durchaus zu rechnen sein musste, hätte bei umsichtigerer Planung auch ins Kalkül gezogen werden können. Lediglich die Aneinanderreihung von gleich drei Muskelfaserrissen kann man hier als Pech bezeichnen.

Ableitung aus dem Ist-Zustand

Wie bereits oben erwähnt, stehen weitere erhebliche personelle Veränderungen im Kader bevor. Zu den derzeit noch ungeklärten Variablen gehört der neue Trainer, dessen Spielsystem und sein konkreter Umgang mit dem Kader. Von den feststehenden vier Neuzugängen einmal abgesehen ist weiterhin völlig offen, wie dieser Kader nicht nur rein fußballerisch zusammengestellt sein wird. Völlig offen und wohl am meisten unterschätzt ist die Frage, wie die unterschiedlichen Charaktäre und Persönlichkeiten dieses Kaders dann unter Druck miteinander umgehen werden. Es ist das eine, beispielweise einen Hinterseer als neuen Führungsspieler zu holen. Ob er die Akzeptanz seiner Kollegen tatsächlich finden wird, hängt jedoch nicht nur von seinem Verhalten im Mannschaftskreis sondern auch von seinen Leistungen auf dem Platz ab. Es sei in diesem Zusammenhang warnend daran erinnert, dass in der Vergangenheit viele neue Spieler des HSV die in sie gesetzten Erwartungen nicht erfüllen konnten. Eine funktionierende Hierarchie kann man nicht kaufen, deren Herausbildung benötigt Zeit. Hier lässt sich daher feststellen, dass der HSV bislang lediglich dabei ist, die Voraussetzungen für eine neue Struktur zu schaffen. Gleichwohl halte ich Skepsis und Zurückhaltung aus den genannten Gründen für angebracht. Die Kader der letzten Spielzeiten wiesen regelmäßig schwere Defizite auf, was die jeweils Verantwortlichen durch Nachverpflichtungen wie Spahic, Behrami und Mavraj jeweils kompensieren mussten und wollten. Der „Erfolg“ dürfte bekannt sein.

Der HSV hat also aktuell weder einen Trainer noch einen fixen Kader. Noch ist klar, ob und wie die Mannschaft zusammenwächst. Die so wichtige intakte Hierarchie kann und wird sich erst im Laufe der Saison entwickeln müssen. Nach einer desaströsen Rückrunde, die mindestens zu Saisonbeginn in den Köpfen der weiterhin beim HSV verbleibenden Spieler noch nachwirken wird, steht ein kompletter Neuaufbau unter erschwerten Konkurrenzbedingungen (s.o.) bevor. Ich bin völlig bei Hannes Wolf , dass unter diesen Bedingungen eine Konsolidierung im oberen Tabellenbereich sachlich begründet und angemessen wäre. Dies bedeutet eben nicht die grundsätzliche Preisgabe des Ziels Aufstieg und das Einrichten im grauen Mittelmaß der 2. Liga! Ein erneuter Platz 4 oder 5 mag zwar jene enttäuschen, die eine zügige Rückkehr in die Bundesliga sehnlichst erwarten, es wäre unter den Umständen jedoch ein erfolgreicher Zwischenschritt, den man als solchen auch erklären könnte. Damit würde man auch den nicht zuletzt selbstverschuldeten Druck etwas reduzieren. Denn eins ist auch unbestreitbar: Von Kontinuität wird vom HSV unverändert nur geredet. Die Fakten beweisen das exakte Gegenteil! Finanziell unterlegene Vereine, wie Paderborn oder Union sind aber auch nicht zu letzt deswegen erfolgreich, weil sie auch davon weniger reden sondern entsprechend konsequent handeln.

Konsequent unbelehrbar

Der HSV verkauft seit Jahren unbeirrbar und offenbar unbelehrbar Mogelpackungen. Gestern Europa, heute der Aufstieg. Die berühmt-berüchtigte Uhr, sie ist vor einem Jahr abgelaufen. Statt sie zu entsorgen, hat man sie mittels eines Taschenspielertricks einfach umgestellt. Als wäre im Grunde nichts geschehen. Bei „Hamburg, meine Perle“ werden unverändert in jeder Strophe Gegner verspottet, mit denen man in Wahrheit schon lange nicht mehr auf Augenhöhe ist. Die Realität, sie heißt Bochum, Bielefeld, Heidenheim, Aue oder Kiel, aber gesanglich zieht man ungerührt und offenbar unbelehrbar den Bayern die Lederhosen aus. Das, wie auch die ewig überhöhten Ankündigungen, beschreibt den Club leider treffender als alles, was die Verantwortlichen in den letzten Jahren angekündigt haben.

Da der HSV aus meiner Sicht reinem Marketing-Denken und effektheischenden statt sachlich-fachlich begründeten Zielen verhaftet bleibt, letztlich substanzlose Ankündigungen das Handeln seiner Entscheidungsträger bestimmen, vermag ich inzwischen nicht mehr an eine nachhaltige Besserung beim HSV zu glauben. Boldt, dem ich wie dem neuen Trainer selbstverständlich nur das Beste wünsche, bleibt für mich bis zum Beweis des Gegenteils nur ein weiterer auf der langen Liste der Hoffnungsträger. Und zwar ein weiterer auf Abruf.

Der HSV, ich schrieb es hier unlängst, geht einer höchst ungewissen Zukunft entgegen. Ich werde diese ab sofort nur noch aus der Ferne begleiten. In Hamburg sagt man „tschüss!“

Nachtrag: Ich möchte mich an dieser Stelle herzlichst bei Euch bedanken, dass Ihr mir über all die Jahre immer wieder einige Minuten eurer Zeit geschenkt habt, um meinen Gedanken zu folgen. Dafür und für die durchweg wertschätzenden Kommentare bin ich sehr dankbar!

Der HSV, Holtby und ein Märchen (Ein Kommentar)

Gestern teilte der HSV mit, dass man Lewis Holtby kein Angebot zur Vertragsverlängerung unterbreitet habe, da man ab Sommer sportlich ohne den Spieler plane. Dass diese Entscheidung (schon) jetzt öffentlich gemacht wird, begründete Sportvorstand Becker mit den langjährigen Verdiensten des Spielers, dem man so früh die Möglichkeit eröffnet habe, seine Zukunft nach dem Ende dieser Saison zu gestalten.

Im Grunde ein ganz normaler Vorgang. Ein Vertrag läuft aus, weil ein Vertragspartner, der HSV, ihn nicht verlängern will. Das mag den anderen Vertragspartner, den Spieler Holtby enttäuschen, der möglicherweise – wir wissen dies nicht! – seinerseits zu einer Vertragsverlängerung bereit gewesen wäre.

Man darf begründet annehmen, dass sich Lewis Holtby mit dem HSV voll identifiziert hat, denn andernfalls wäre er vermutlich nicht freiwillig mit in die 2. Liga gegangen und hätte ganz nebenbei erhebliche Gehaltseinbußen vor der aktuellen Saison hingenommen. Ob der Spieler vorher überbezahlt war, ist eine nachvollziehbare legitime Meinung/Wertung, ändert aber rein gar nichts an der Tatsache, dass Holtby nach dem Abstieg mit großer Wahrscheinlichkeit sportlich reizvollere Alternativen, ob nun in der Bundesliga oder im Ausland, vorlagen. Daraus und auch aus seinem inzwischen fünfjährigen Engagement beim HSV schlussfolgere ich, dass sich Hamburg längst zum Lebensmittelpunkt Holtbys entwickelte, er sich also auch privat in dieser Stadt wohlfühlt. Angesichts der allseits bekannten angespannten finanziellen Lage des HSV wird ihn die nun verkündete Entscheidung nicht gänzlich unerwartet getroffen haben. Ich vermute, er hätte auch weiterhin gern seinen Lebensmittelpunkt in Hamburg gehabt, sicher aber nicht um jeden Preis.

Jedem halbwegs vernunftbegabten und erfahrenen Profi-Fußballer, also auch Lewis Holtby, ist bewusst, wie schnell sich Karrieren verändern können. Sei es durch schwere Verletzungen, Transfers, Trainerentscheidungen, oder weil der Verein sportlich anders plant. Dies sind nun einmal die allgemeinen Spielregeln, das generelle Risiko, in welches jeder Profi zu Beginn seiner Karriere einwilligt.

Aber der Zeitpunkt…?!

Dass sich ein enttäuschter Lewis Holtby nun im letzten Drittel der Saison hängenließe, halte ich für ziemlich abwegig. Dagegen spricht für mich zunächst der Eindruck, den ich über die Jahre von ihm gewonnen habe. Gerade er wirkte als Mensch durchweg optimistisch und fröhlich. Warum also sollte er jetzt in eine depressive und leistungsverweigernde Haltung verfallen? Abgesehen davon: Ließe er sich ab sofort hängen, er würde sich zu vorderst selbst schaden. Denn Wolf wäre dann genötigt, ihn dauerhaft auf die Bank oder gar die Tribüne zu verbannen. Dort aber, die meisten Verträge sind längst leistungsorientiert gestaffelt, sinkt nicht nur das Einkommen deutlich spürbar, sondern er würde als Dauergast ausgerechnet zu dem Zeitpunkt seiner Karriere für andere Vereine uninteressanter, an dem er, bzw. sein Berater nun einen neuen Arbeitgeber suchen muss. Zudem halte ich es für eine verzerrte Vorstellung im Hinblick auf Leistungsmotivation, dass diese bei einem Profisportler vollkommen ein- und zusammenbricht, nur weil die berufliche Zukunft ab dem Zeitpunkt X nicht geklärt ist. Gerade eine Frohnatur wie Holtby wird sich deswegen ganz sicher nicht den Spaß am Fußball, im Spiel, Training oder im Umgang mit den Kollegen nehmen lassen. Und ich erwarte von einem Teamplayer wie ihm, dass er seine Zeit beim HSV mit dem Erreichen des Wiederaufstiegs erfolgreich abschließen möchte.

Versuch einer Einordnung

Sowohl aus sportlichen als auch aus finanziellen Erwägungen finde ich die Entscheidung des HSV nachvollziehbar. Zweifelhaft ist bereits, was ggf. eine Vertragsverlängerung Holtbys finanziell für den HSV bedeutet hätte. Denn üblicherweise werden erhebliche Handgelder verlangt und bezahlt. Insofern ist nicht nur das Gehalt selbst ins Kalkül zu ziehen.

Sportlich lief es für Holtby beim HSV durchwachsen. Auf gute Phasen folgten schwache. Längere Zeit Stammspieler erschien er zwischenzeitlich bereits gänzlich aussortiert und retour. All dies nicht im Rahmen als normal zu erwartender Formschwankungen, sondern auch ganz offensichtlich in Abhängigkeit von der Spielidee wechselnder Trainer. Läuferisch gehörte er immer zu den fleißigsten Spielern des Teams, und auch für die Stimmung in der Kabine erscheint er mir aufgrund seiner positiven Grundhaltung von erheblichem Einfluss. Kritisch sehe ich aber andere Punkte: Für einen „Sechser“ ist er nach meinen Vorstellungen zu klein und zu wenig Stratege. Als zentral-offensivem Mittelfeldspieler fehlt es ihm m.E. an Kreativität. Am besten und stärksten ist er als „Achter“, als zentraler Mittelfeldspieler im linken Halbraum. Dort schließt er durch sein hohes läuferisches Potenzial die Lücken und überzeugt durch seine gute Ballbehandlung. Aber er ist eben mehr Arbeitsbiene und abhängig von anderen Schlüsselspielern (bspw. aktuell von Mangala, Douglas Santos und Hunt), keiner der das Spiel des Teams wirklich prägt. Ohne Özcan vorschnell in den Himmel zu loben, erscheint es mir, als habe dieser ihm schon fast den Rang abgelaufen.

Da aus meiner Sicht ein Verbleib von Mangala über die laufende Saison hinaus absolut ausgeschlosen ist, hielt sich zuletzt das Gerücht, der HSV habe Interesse am Kieler Kinsombi. Dieser wäre mit 1, 84 m auch nicht der von mir gewünschte Riese im Mittelfeld, ist körperlich aber dennoch ein anderes Kaliber und hat bei Holstein auch durch seine Dynamik nachhaltig überzeugen können. Wenn Becker, Mutzel, Spors und Wolf zu der sportlichen Bewertung gekommen sind, dass sie zukünftig das Mittelfeld anders nämlich ohne Holtby besetzen wollen, dann erscheint mir dies angesichts der zu langsamen Ballzirkulation, der mangelnden Kreativität und auch dem Mangel an körperlicher Durchsetzungskraft legitim und verständlich. Holtby ist nicht der Schuldige am oft ernüchternden Spiel des HSV, aber es ist ein Teil dessen. Menschlich mag man den Abgang Holtbys also bedauern, aber es bleibt abzuwarten, wer stattdessen zukünftig im Mittelfeld aufläuft und wie sich das auf den Gesamteindruck auswirkt.

Das Hamburger Abendblatt läuft (wieder einmal) journalistisch Amok


Susi‏ @Susi_1887 22. März
Alles Gute für deine Zukunft, Lewis und danke, dass du nach dem Abstieg geblieben bist, das war nicht selbstverständlich

Eine abschließende Bemerkung zu den Presseartikeln in diesem Zusammenhang: An Holtby haben sich schon seit längerem die Geister geschieden. Wer aber aus u.a. einer verdienten Danksagung an den Spieler (s.o.) und einer einseitig selektiven Auswahl von Reaktionen in den Sozialen Medien einen angeblichen „Fanaufstand“ wie das Abendblatt konstruiert, der läuft selbst journalistisch Amok und ist nicht ganz bei Trost! Es dürften sich für fast jeden Spieler positive und deutlich negative Stimmen im Netz finden lassen. Die einen halten bspw. Jatta für einen „Leichtathleten“, der angeblich die „Sportart verfehlt“ hat und schwere taktische Defizite aufweist, andere bewerten ihn und seine Entwicklung (so auch ich) deutlich positiver. Mit nahezu absoluter Sicherheit aber wird niemand eine Mahnwache vor der Geschäftsstelle für Holtby initiieren, es wird seinetwegen keine massenhaften Vereinsaustritte, Kündigungen von Dauerkarten und Logen oder Protest-Fanmärsche geben. Die Fanrevolte, sie gibt es nicht, warum auch?!, sie ist eine reine faktenfreie Erfindung.

Bleiben wird für die meisten Anhänger des HSV ab Sommer die Erinnerung an einen sympathischen Spieler, zu dem man begründet geteilter Meinung sein darf. Bleiben wird hoffentlich auch die erneut vertiefte Erkenntnis, auf welch erbärmlichen journalistischen Niveau sich nicht nur die Hamburger Tagespresse in Zusammenhang mit dem HSV regelmäßig seit Jahren bewegt.