Eintracht Frankfurt

Der HSV macht einen Schritt in die richtige Richtung, unterliegt jedoch dennoch Eintracht Frankfurt mit 1:2 (0:1)

Ausgehend von meinen bisherigen Beobachtungen zu den taktischen Veränderungen beim HSV unter Zinnbauers Leitung, die bisher überwiegend das defensive Spiel der Mannschaft betrafen, interessierte mich vor dem Spiel gegen die Eintracht aus Frankfurt zweierlei:

1.) konnte das Defensivverhalten weiter stabilisiert werden?
2.) verbessert sich das Angriffsspiel, ohne dass dies zu Lasten der Abwehrarbeit geht?

Unmittelbar vor dem Spiel überraschte mich die Nachricht, dass der Trainer des HSV die Abwehr umstellen würde. Ich hatte damit ehrlich gesagt nicht gerechnet. Zinnbauer vertraute also der folgenden Aufstellung:

Drobny – Westermann, Djourou, Cléber, Ostrzolek – Behrami, Arslan (86. Rudnevs), N.Müller (90. Diekmeier), Holtby (86. Jiracek), Stieber – Lasogga

Cléber spielte ergo als linker Innenverteidiger und Partner für Djourou, und Westermann ersetzte Diekmeier auf der defensiven rechten Außenbahn. Zinnbauer sagte nach dem Spiel dazu, dass die Analyse ergeben habe, dass der HSV bei Zweikämpfen in der Luft etwas unterlegen gewesen sei, was man durch die Hereinnahme Clébers korrigieren wollte.

Spiel: Der HSV begann erneut offensiv und übernahm wie schon gegen Gladbach zunächst die Spielgestaltung. Frankfurt zog sich relativ weit zurück. Für mich etwas überraschend verzichtete man darauf, die neu formierte HSV-Abwehr im Spielaufbau früh zu pressen, wie es die Gegner in der jüngeren Vergangenheit meist getan hatten. Stattdessen positionierten sich alle Spieler der Gäste hinter dem Ball in der eigenen Hälfte. Selbst im Mittelfeld presste man nur ganz gelegentlich. Offenbar hatte Schaaf, um die Probleme des HSV im letzten, dem Angriffsdrittel wissend, die Parole ausgegeben, mögliche Passwege des Gegners vor dem Strafraum konsequent zu blockieren. So verteidigten die Gäste meist eher passiv und erweiterten ihre defensive Viererkette im Bedarfsfall zu einer Fünfer- oder gelegentlich sogar Sechserkette. Die verbleibenden Spieler sicherten vornehmlich den zentralen Raum davor und sollten offenbar aus der eigenen Hälfte im Gegenzug etwaige Konter starten. So verfingen sich die Angriffe der Hausherrn meist in der engmaschigen Verteidigung der Gäste im zentralen Raum vor dem Strafraum, oder das Angriffsspiel der Hamburger wurde durch die taktische Ausrichtung der Gäste auf die Flügel abgeleitet. Leider, auch dies stelle ich inzwischen zum wiederholten Male fest, fehlt es dem HSV bei Flanken und Standards unverändert an der notwendigen Präzision.

Cléber war m.E. mindestens während der ersten Halbzeit eine gewisse Nervosität anzumerken. Dies sah man u.a. zu Beginn der Partie, als ihm in unbedrängter Position ein Zuspiel auf Djourou vollkommen verunglückte. Allerdings zeigte Cléber, wie von Zinnbauer erhofft, seine Stärke bei Kopfbällen. So hatte er nach einem Eckstoß für den HSV mit seinem nachfolgenden Kopfball etwas Pech, da dieser leider zu mittig auf das Tor kam und dort mühelos von der neuen Frankfurter Nummer eins, Felix Wiedwald, gehalten werden konnte.

Der HSV hatte während der ersten Spielhälfte ein deutliches optisches Übergewicht, ohne dass daraus tatsächliche Torchancen  resultierten.  Für mich einmal mehr negativ auffällig war hier Tolgay Arslan, der sich wiederholt in Dribblings verzettelte, die meist prompt zum Ballverlust führten. Auch gelungene Pässe in die Schnittstellen der Frankfurter Abwehr suchte man bei ihm einmal mehr vergeblich. Womit ich bei einer Ursache für die bisherige Erfolglosigkeit der Mannschaft vor dem Tor wäre. Arslan ist sicher nicht dafür allein verantwortlich, aber es muss doch verstärkt kritisch festgestellt werden, dass er es in der letzten Saison (2013/14) bei 32 Einsätzen auf nur ein einziges Tor und, dies wiegt m.E. fast noch schwerer, auf nur drei Assists brachte. So gut er mir auch schon des Öfteren vor allem in der Rückwärtsbewegung gefallen hat – dass der Mann nach vorne kaum etwas tatsächlich Produktives bewegt, darauf deuten auch diese ernüchternden Zahlen. Es ist sicher etwas unfair, ihn mit Holtby zu vergleichen, schon allein weil dieser positionsbedingt weiter vorne spielt, aber Holtby hat allein in der zweiten Spielhälfte mehr erfolgreiche, offensive Schnittstellenpässe gespielt, als m.E. Arslan in allen bisherigen Spielen dieser Saison zusammengerechnet. Ich ziehe daraus den Schluss, dass Arslan, sollte er sich nicht bald ganz gewaltig steigern, in dem Moment aus der Mannschaft raus ist, in dem van der Vaart wieder auflaufen kann, da dann Holtby seinen Platz neben Behrami einnehmen dürfte.

In der 44. Spielminute verlor Westermann den Ball in der Vorwärtsbewegung. Der folgende Diagonalball der Frankfurter erreichte Chandler auf der rechten Außenbahn. Stieber, der Richtung Mitte eingerückt war, da sich das Spielgeschehen ja ursprünglich auf dem anderen Flügel abspielte, stand im Halbfeld und reagierte für meinen Geschmack etwas spät. So erhielt er keinen Zugriff auf Chandler, der sofort mit Tempo auf der Außenbahn nach vorne stürmte. Beide Sechser konnten in diesem Augenblick positionsbedingt nicht helfen.  Linksverteidiger Ostrzolek stand m.E. viel zu weit weg (von Stieber) und wich immer weiter zurück, statt den heranstürmenden Chandler zu stellen. Im Ergebnis wurde daher absolut kein Druck auf Chandler ausgeübt. Dieser passte den Ball scharf quer zur Torlinie. Cléber trat in der Laufbewegung über den Ball. Dieser erreichte Seferovic, der am langen Pfosten lauerte und sofort gegen die Laufrichtung von Djourou und Drobny abschloss.  Es passte zum unglücklichen Auftritt Clébers, dass er den Torschuss um ein Haar auf der Torlinie noch geklärt hätte, letztlich aber dem Ball nicht mehr die entscheidende Richtungsänderung geben konnte. Meiner Meinung nach trifft Cléber hier sicherlich eine Teilschuld am Gegentor, allein verantwortlich ist er aber keinesfalls. Vielmehr hat man es hier mit einer ganzen Kette von Fehlern zu tun. Meiner Meinung nach hat hier auch die gesamte Raumaufteilung nicht gestimmt. Sei es, wie es sei – der HSV lag einmal mehr mit 0:1 zurück.

Beinahe wäre der Mannschaft noch innerhalb der ersten Halbzeit der Ausgleich gelungen. Aber Behrami setzte in der Nachspielzeit (45+1.) nach schöner Flanke vom linken Flügel einen fulminanten Kopfball knapp neben das Frankfurter Gehäuse. Es blieb also bei der Führung der Gäste zur Pause.

Um es vorwegzunehmen: Mein „Man of the Match“ war Holtby, der vor allem in der zweiten Halbzeit stark spielte. Die 53. Minute sah einen bemerkenswert guten Pass Westermanns in die Schnittstelle zwischen Innenverteidigung und Linksverteidiger der Frankfurter. Leider wurde der dadurch frei gespielte Holtby etwas zu weit durch den aus seinem Tor herausstürmenden Wiedwald nach rechts abgedrängt, sodass sein Torschuss aus spitzem Winkel letztlich nur das Seitennetz des Tores traf.

In der 58. Minute konnte man dann Holtbys Handlungsschnelligkeit, gute Technik und sein Spielverständnis beobachten. Einen halbhohen Ball vor dem Frankfurter Strafraum passte er sofort durch die Schnittstelle der Gäste-Abwehr zu Nicolai Müller. Dem war es schließlich vorbehalten, die Torflaute des HSV zu beenden. Mit etwas Glück rutschte sein Schuss unter Wiedwald hindurch zum 1:1 ins Netz.

Wiedwald, der erstmalig den verletzten Trapp im Tor vertrat, wirkte auf mich keineswegs immer sicher. Dies konnte man auch in der 76. Minute beobachten, als Anderson und er nach dem in Fußballerkreisen durchaus bekannten Motto verfuhren: Nimm Du ihn, ich hab ihn sicher…! Als Folge dieser Uneinigkeit kam der offensiv pressende Lasogga an den Ball. Leider war dessen Schuss mit der Pike zu harmlos, sodass ihn der junge Frankfurter Torhüter dann letztlich doch mühelos entschärfen konnte.

In der Schlussphase der Partie wechselte Zinnbauer gleich drei Mal. Jiracek führte sich zunächst durch eine großartige Grätsche ein, als er einen stürmenden Frankfurter gerade noch entscheidend behinderte. Leider unterlief ihm dann kurz darauf in der Schlussminute ein hartes und auch unnötiges Foul, als er dreißig Meter vor dem eigenen Tor mit gestrecktem Bein in einen Frankfurter Spieler rutschte. Den folgenden Freistoß aus leicht nach links versetzter Position jagte der eingewechselte Piazon ins rechte obere Eck des Hamburger Tores, also ins Dreiangel der s.g. Torwartseite. Man muss hier zu Drobnys Gunsten die inzwischen für den Torwart grundsätzlich schwer zu berechnenden Flugkurven moderner Bälle berücksichtigen. Gänzlich unhaltbar schien mir dieser zweifellos wunderschöne Treffer (90.), der zugleich den Sieg für die Gäste bedeutete, jedoch nicht zu sein.

Schiedsrichter: Florian Meyer (Burgdorf). Einige „enge“ Entscheidungen könnte man auch anders treffen. War aber gewiss nicht schuld an der Niederlage.

Fazit: Der HSV verliert diese Partie gegen keineswegs unschlagbare Frankfurter schon allein aufgrund des späten Siegtreffers unglücklich.

Gegen Gladbach am Mittwoch gaben die Hamburger 14 Torschüsse ab, verfehlten jedoch ganze 13 mal das Gehäuse. Mit anderen Worten: Gladbachs Torwart Sommer musste am Mittwoch nur einen einzigen Schuss tatsächlich parieren. Die meisten Torschussversuche dieser vorangegangenen Partie wurden zudem außerhalb des Strafraums abgegeben, was statistisch betrachtet die Wahrscheinlichkeit eines daraus resultierenden Treffers signifikant senkt. Mit anderen Worten: Gegen Gladbach war es dem HSV fast gar nicht gelungen, in den Strafraum des Gegners einzudringen, um dort zu klaren Torchancen zu kommen.

Gegen die Frankfurter Eintracht erschien mir das Offensivspiel vor allem während der zweiten Spielhälfte deutlich verbessert. Wenn man das vom HSV erzielte Tor  einrechnet, wurden erneut 14 Torschüsse abgegeben, von denen immerhin sechs tatsächlich auf das Tor gingen (fünf gehaltene Schüsse). Auch gelang es deutlich häufiger innerhalb des Strafraums zum Abschluss zu kommen, was auf eine bessere Qualität der eigenen Torchancen hindeutet. Dies ist natürlich absolut kein Beweis für ein konstant verbessertes Offensivspiel der Hamburger, jedoch eine interessante Momentaufnahme.

Die Hamburger Mannschaft  muss sich jedoch erneut vorwerfen lassen, dass sie vor allem in der ersten Spielhälfte viel zu selten konkret und präzise spielte, sodass aus rein optischer Überlegenheit nichts Zählbares resultierte. Im Gegenteil! Durch eine ganze Fehlerkette geriet man sogar in Rückstand.

Unverändert, aber das erscheint mir zum jetzigen Zeitpunkt noch normal und nicht vorzuwerfen, sind auch Abstimmungsprobleme bei Pass- und Laufwegen zu beobachten. Bis hier die Fehlerquote deutlich gesenkt werden kann, dies benötigt schlicht Zeit. Wer glaubt, dies ginge quasi auf Knopfdruck und über Nacht, der irrt. Schwer.

Erfreulich erscheint mir, dass sich die Form der beiden noch mit konditionellen Rückständen behafteten Spieler, Müller und Lasogga, stetig zu verbessern scheint,  auch wenn hier weiter Luft nach oben verbleibt. Auch Stieber und Ostrzolek harmonieren zunehmend besser und zeigten ansteigende Form. Holtby war  sehr präsent. Im Zusammenspiel mit einem van der Vaart könnte da nach dessen Rückkehr etwas entstehen.

Insgesamt meine ich, dass der HSV, so seltsam sich das nach dieser erneuten Niederlage für den einen oder anderen lesen mag, leistungsmäßig einen weiteren Schritt in die richtige Richtung gemacht hat. Daher kann ich jener medialen Berichterstattung, die schon von einem Verpuffen des Trainerwechsels wissen will, rein gar nichts abgewinnen. Rein tabellarisch, bzw. wenn man allein aufgrund von Ergebnissen urteilt, mag dies stimmen. Doch eine Analyse, die auch nur ansatzweise diese Bezeichnung verdient, benötigt dann doch etwas mehr, als die Fähigkeit, die Tabelle und die Spiel-Ergebnisse lesen zu können.

Ein Kompliment an das Hamburger Publikum: Die Mannschaft wurde allen diesbezüglichen Zweifeln zum Trotz lautstark unterstützt. Dass man trotz der Niederlage nach dem Schlusspfiff der Mannschaft sogar Beifall zollte, bestärkt mich in der Hoffnung, dass man wenigstens mittelfristig auch weiterhin Geduld haben wird.

Strahlkraft aus Tradition vs. gekaufte Strahlkraft: HSV – VfL Wolfsburg

+++ AKTUALISIERUNG: Westermann wird spielen. Laut HSV.de hat es bei Badelj doch nicht gereicht. Er ist angeblich nicht im Kader. Außerdem hatte ich in meiner erwarteten Aufstellung Zoua gleich zweimal drin. Da das den guten Jacques überfordert, habe ich die Prognose korrigiert. Sorry! +++

Bevor ich mich hier mit der kommenden Partie beschäftige – einen herzlichen Glückwunsch an Tayfun Korkut und Hannover 96! Die „96er“ haben die Gunst der Stunde nach dem Sieg über den Hamburger Sportverein nutzen können und legten gestern Abend mit einem 2:3 Auswärtssieg bei der Eintracht aus Frankfurt nach. Mit nunmehr 35 Punkten sollte der Abstieg der Niedersachsen aus der Eliteliga kein Thema mehr sein.

Der HSV empfängt am Samstagabend einen anderen Verein aus Niedersachsen,  den VfL Wolfsburg. Das gibt mir die Gelegenheit, mich zu einer Thematik zu äußern, die unter Fußballfans in Deutschland regelmäßig zu Kontroversen führt: Traditionsvereine vs. Kunstprodukte. Wobei Anhänger der „Wölfe“ vermutlich jetzt schon wütend aufheulen, wenn ich ihren Verein in diesen Zusammenhang stelle.

Ich gestehe, ich kann mich zu dieser Thematik nicht échauffieren. Natürlich sind es Marketinggründe, wenn sich ein Verein wie die TSG Hoffenheim auf eine Tradition beruft, die angeblich bis 1899 zurückreicht. Tatsächlich, das ist m.E. unbestreitbar, ist der Verein bundesweit erst durch das Engagement des SAP-Mitgründers, Dietmar Hopp, nennenswert in Erscheinung getreten. Erst die Millionen, die Hopp in den Verein investierte, erlaub(t)en den Hoffenheimern im Konzert der Großen mitzuspielen. Ohne dessen Moos – nichts los im beschaulichen Sinnsheim. Aber, und das finde ich an dem Projekt „TSG“ spannend, man hat das Geld von Hopp meist klug und nachhaltig investiert. Mit Ralf Rangnick, einem wenn nicht gar dem größten Visionär unter den deutschsprachigen Trainern, gelang der TSG seinerzeit der Durchmarsch in die Bundesliga. Dazu hatte man den Mut, mit dem ehemaligen Hockey-Nationaltrainer, Bernhard Peters, einen Nicht-Fußballer ins Boot zu holen. Ich behaupte, beide Personalien zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass sie dem traditionell erzkonservativen deutschen Fußball wichtige Impulse gegeben haben. Rangnick etwa hatte schon mit dem SSV Ulm bewiesen, was bis dato als unmöglich galt: dass man mit einer deutschen Fußball-Mannschaft sehr wohl erfolgreich die Viererkette spielen lassen kann. Der kongeniale Peters dürfte n.v.m. mitbewirkt haben, dass ein im Feldhockey längst bekanntes taktisches System, das 4-1-4-1, auch im Fußball Einzug fand. Auch trainingsmethodisch kamen aus Sinnsheim wichtige Anregungen. So ließ man u.a. die eigenen Stürmer immer wieder neue, unvorhergesehene „Probleme lösen“, statt ihnen feste Spielzüge vorzugeben. Auch der Blick über den Tellerrand des Fußballs, z.B. zum Futsal, oder durch die konsequente Einbeziehung der Sportpsychologie, war bei den Hoffenheimern längst Usus, während die etablierten Traditionsvereine z.T. noch mit Konditionsgebolze ohne Ball in der Steinzeit der Trainigsmethodik verweilten. Was mich also für einen Emporkömmling wie die TSG einnimmt, ist der Inhalt, nicht die Verpackung. Und seien wir ehrlich – ein Bißchen mogeln gehört bei der Geburtszahl dazu. Der Hamburger SV beruft sich bei seinem angeblichen Gründungsdatum 1887 auch auf einen Vorgängerverein. (Der HSV wurde tatsächlich erst am 2. Juni 1919 gegründet.) Im Übrigen ist Tradition etwas, was im Laufe der Zeit entsteht und nicht per se gegeben ist. Wenn etwas aber erst entstehen muss, dann muss es prinzipiell auch einen Anfang nehmen dürfen. Das reine Gejammer, die Anderen hätten keine Tradition, ist die Klage von Besitzstandswahrern, die verkennen, dass sich auch ihre Tradition erst entwickeln musste.

Etwas anders verhält es sich aus meiner Sicht mit Vereinen wie RB Leipzig oder dem VfL Wolfsburg. Mag man sich in der Region um Leipzig noch auf eine ruhmreiche Tradition vornehmlich aus Vorkriegs- (VfB Leipzig) oder DDR-Zeiten (1. FC Lokomotive Leipzig) berufen, so ist der VfL in meinen Augen ein tatsächliches Beispiel für einen „Plastikclub“. Um es auf eine kurze Formel zu bringen: Ohne den VW-Konzern gäbe es die ganze Stadt in dieser Form gar nicht und auch nicht den Verein. Ohne VW wäre nordöstlich von Braunschweig „tote Hose“, Tristesse pur. Bis Anfang der 1990er Jahre dümpelte man in der relativen sportlichen Bedeutungslosigkeit der damaligen Oberliga Nord. Erst als der VW-Konzern aus marketingtechnischen Gründen entschied, sich verstärkt finanziell im VfL zu engagieren, gelang den Wolfsburgern der Aufstieg in den bezahlten Fußball. Der Volkswagenkonzern ist es, der das ganze Konstrukt am Leben erhält. Mit VW im Rücken konnte man sich Magath und dessen berühmt-berüchtigten Einkaufsorgien leisten, ohne umgehend Insolvenz anmelden zu müssen. Die Meisterschaft 2008/09 – ein Geschenk des Automobilkonzerns an „seine“ Stadt. Der sportliche Erfolg war zweifellos verdient und soll nicht in Abrede gestellt werden. Er ist aber dahingehend zu relativieren, dass er dem Verein aus eigener Kraft höchstwahrscheinlich niemals gelungen wäre.

Natürlich, auch der Hamburger Sportverein ist Werbeträger für seine diversen Partner, schon lange. Und natürlich bleibt die Finanzierung eines wettbewerbsfähigen Kaders auch in Hamburg von externen Geldern abhängig – wer wüsste das nicht, in Zeiten der Debatte über eine Strukturveränderung. Aber der HSV war nie (und wird es auch hoffentlich in Zukunft nie sein!) abhängig allein von den konzernstrategischen Entscheidungen der Vorstandsetage eines einzigen Konzerns. Tradition steht in Hamburg, so könnte man es wohl formulieren, auf mehreren Füßen, nicht auf einem. Und es ist die Strahlkraft der Stadt Hamburg in Verbindung mit der Vereinsgeschichte, die den Verein für Werbepartner interessant macht. In Wolfsburg hingegen entsteht Strahlkraft des Vereins, einer grundsätzlichen grauen Maus, allein, weil es der Volkswagenkonzern so entschieden hat. Ähnliches trifft auf internationaler Ebene z.B. auch auf das Kunstprodukt PSG (gegründet 1970) aus Paris zu. Allein durch den  Einstieg des Investors, der QTA (Tourismusbehörde Katars), kann man sich dort Stars wie Ibrahimovic leisten und spielt urplötzlich in der Bellétage des Fußballs, der ChampionsLeague, eine ernstzunehmende Rolle. Vor QTA war PSG eher ein Synonym für Misswirtschaft, Inkompetenz und dümpelte in der sportlichen Bedeutungslosigkeit. Insofern verwundert es schon, wenn manche Traditionalisten in Deutschland die TSG 1899 Hoffenheim schmähen, gleichzeitig aber PSG die Daumen drücken, weil der Ibrahimovic ein toller Kicker ist.

Zurück zum kommenden Gegner, dem VfL Wolfsburg. Sportlich, das respektiere ich, hat man nach der missglückten Rückholaktion mit dem ehemaligen Meistermacher Magath die Kurve bekommen. Dieter Hecking ist ein Trainer, den ich mir grundsätzlich auch beim HSV vorstellen könnte. Unter Hecking ist der VfL dabei, sich in der Spitzengruppe der Bundesliga dauerhaft zu etablieren. Waren es bislang der FCB, BvB, Bayer04 und Schalke, die die vordersten Plätze ausspielten, so klopfen mit der Borussia aus ‚Gladbach und dem VfL Wolfsburg zwei weitere Vereine mit Nachdruck an die Tür und begehren Einlass in den illustren Kreis. Auch etwas, was man als Hamburger tunlichst bedenken sollte, wenn man meint, der HSV müsse ins internationale Geschäft.

Hecking lässt den VfL gewöhnlich in einem 4-2-3-1 antreten. Ganz vorne spielt der auch beim HSV bestens bekannte Olic. Dahinter links Perisic, zentral das deutsche Supertalent, Maximilian Arnold und rechts der ebenfalls hochbegabte Belgier, Kevin De Bruyne. Der eine Sechser, der Brasilianer Luiz Gustavo, hat internationale Klasse. Sein Partner war zuletzt der junge Belgier Malanda, der aber zum Glück für den HSV mit einer Kreuzbandzerrung ausfällt. Seinen Platz könnten  Marcel Schäfer oder Daniel Caligiuri einnehmen. Die Stärken des VfL liegen, darauf wies Slomka zurecht in der PK zum Spiel hin, eindeutig in der Offensive. Insbesondere die vier Offensivspieler sind sehr lauffreudig und rochieren auf den Positionen. Die Hamburger werden defensiv also konsequent und diszipliniert verschieben müssen. Und vor allem müssen die Räume eng gehalten werden, damit man überhaupt Zugriff auf das Spiel bekommt. Auch sollte man Freistöße für den VfL vor allem im zentralen Raum vor dem Tor unbedingt vermeiden. Arnold und vor allem der vom BvB verpflichtete Innenverteidiger Naldo  können hart und präzise aus der Distanz schießen. Wer einen der Beiden ab 25 Meter vor dem Tor zum Abschluss kommen lässt, ist selber schuld.

Keine Frage, das wird ein hartes Stück Arbeit für den bekanntlich angeschlagenen HSV. Wenn ich die jüngsten Meldungen aus Hamburg richtig deute, dann werden Badelj und Westermann beide auflaufen, wenn es denn irgendwie geht. Erfreulicherweise steht mit Kerem Demirbay eine Alternative für Badelj grundsätzlich wieder zur Verfügung. Da der Spieler aber eine lange Verletzungshistorie hinter sich und demzufolge keine Spielpraxis hat, gehe ich nicht davon aus, dass ihn Slomka in die Startelf stellen wird, sollte es bei Badelj doch nicht reichen (Entscheidung fällt heute). Ich gehe also von folgender Aufstellung des Hamburger Sportvereins aus:

Adler – Diekmeier, Djourou, Mancienne, Westermann – Calhanoglu, Badelj (Rincon), Arslan, Jiracek – Ilicevic – Zoua

Abhängig vom Spielverlauf dürften sich  Maggio, Tesche und Demirbay Hoffnungen auf einen (Kurz-)Einsatz machen.

Hoffen wir, dass es dem HSV erneut zu Hause gelingt, gegen einen auf dem Papier stärkeren Gegner zu punkten. Möglich ist es! Das haben die Siege gegen den BvB und Leverkusen bewiesen.

Schiedsrichter der Partie ist Herr Sippel aus München.