HSVPlus

Kaderbewertung und -perspektive beim Hamburger Sportverein

Bevor ich mich den (sportlich) Verantwortlichen widme, hier eine kurze Bewertung der Saisonleistung und der Perspektive des HSV-Kaders:

René Adler, 29 (TW), Vertrag bis 2017
Gemessen an den überragenden Leistungen der Vorsaison spielte er eine enttäuschende Serie. Acht schwere Torwartfehler kosteten ihn die Teilnahme an der WM. Seine z.T. spielentscheidenden Aussetzer (Braunschweig!) hatten ihren Anteil an dem desaströsen Saisonverlauf. Nicht mehr befriedigend.

Jaroslav Drobny, 34 (TW), Vertrag bis 2015
Der Torwart 1B. Kam nur bei Verletzungen Adlers zum Einsatz. Bei seinen insgesamt 7 Einsätzen stets ordentlich bis gut.

Sven Neuhaus, 36,(TW), Vertrag läuft aus
Für mich nicht zu bewerten.

Florian Stritzel, 20 (TW), Vertrag läuft aus
Für mich nicht zu bewerten.

Jonathan Tah, 18 (IV),Vertrag bis 2018
Spielte noch als Siebzehnjähriger eine ordentliche bis gute erste Halbserie. Dannn rückte sein Abitur näher und er damit aus der Stammformation. Großes Talent.

Heiko Westermann, 30 (IV), Vertrag bis 2015
Der Abwehrallrounder. Charakterlich wohl einer der besten Spieler im Kader. Stellt sich immer in den Dienst der Mannschaft, ist vielseitig einsetzbar und übernimmt Verantwortung. Seine regelmäßigen technischen Fehler bleiben ein Ärgernis, wurden aber z.T. auch erst durch die Tatsache provoziert, dass andere abtauchten. Ist somit auch ein klein wenig „Opfer“ einer nicht funktionierenden Mannschaft, auch wenn er an der unbefriedigenden Mannschaftsleistung selbst beteiligt gewesen ist.

Johan Djourou, 27 (IV), Vertrag bis 2016
Begann als Zitterfuß. Bei ihm scheint die Detailfrage von Bedeutung, ob er rechts oder links als Innenverteidiger spielt. Als rechter Innenverteidiger und mit einem Trainer Slomka, der ihm Vertrauen und Sicherheit vermittelt, ordentlich.

Lasse Sobiech, 23 (IV), Vertrag bis 2016
Für mich eine der Enttäuschungen in dieser Saison. Konnte seine Chancen nicht nutzen. Danach mit Verletzungspech. In der gezeigten Verfassung ein Streichkandidat. Lasse steht an einem Scheideweg seiner Karriere und sollte gründlich überlegen, wie es weitergehen soll. Ich hoffe sehr, dass er die richtigen Lehren zieht. Denn das grundsätzliche Potenzial zu einem guten Bundesligaspieler besitzt er.

Michael Mancienne, 26 (IV), Vertrag bis 2015
Bereits aussortiert, kehrte er erst durch die schwere Verletzung von Rajkovic in Kader und Team zurück. Für mich trotz manchem Fehler noch der stabilste Innenverteidiger. Dürfte dennoch Verkaufskandidat bleiben. Sollte er den Verein verlassen müssen, ich würde es bedauern.

Slobodan Rajkovic, 25 (IV), Vertrag bis 2015
Der Pechvogel. Ebenfalls längst aussortiert, kehrte er kurzfristig in die Stammformation zurück. Im Spiel der härteste Innenverteidiger. Wäre daher für mich in der kampfbetonten 2. Liga gesetzt gewesen. Verletzte sich leider bereits in seinem zweiten Einsatz schwer (Kreuzbandriss). Dürfte daher und aufgrund der Vorgeschichte fast unverkäuflich sein. Gute Besserung, Boban!

Marcell Jansen, 28 (LV), Vertrag bis 2015
Nach der Abgabe (besser Verschleuderung!) Aogos an Schalke spielte er meist als LOV. Das machte er ordentlich, jedoch war nicht zu übersehen, dass gerade er absolute Fitness für sein physisches Spiel benötigt. Jeweils nach Verletzungen mit zum Teil schweren Mängeln. Darf nach dieser Saison dank einer Ausstiegsklausel den Verein für € 5 Millionen verlassen. Sollte HSVPlus am 25. Mai scheitern, wird er meiner Einschätzung nach das Weite suchen. Interessenten (Gladbach, Leverkusen) soll es geben.

Dennis Diekmeier, 24 (RV), Vertrag bis 2016
Ist stabiler geworden. Ordentlich, mit Luft nach oben.

Zhi Gin Lam, 22 (AV),Vertrag bis 2015
Noch ein Pechvogel, da praktisch dauerverletzt. Gute Besserung! Deutete bei 9 Einsätzen in der Liga und 2 im DFB-Pokal aber sein Talent (Spielintelligenz!) an. Vielseitig einsetzbar.

Milan Badelj, 25 (DM, ZM), Vertrag bis 2015
Fußballerisch im Grunde einer der absolut besten Spieler im Kader. Besitzt leider läuferisch von Haus aus nur eine mäßige Grundgeschwindigkeit. War damit Opfer der unbefriedigenden Saisonvorbereitung und der absolut verpfuschten Rückrundenvorbereitung. Wird sich nächste Saison steigern. Im defensiven Mittelfeld noch der Bessere.

Tomás Rincon, 26 (DM, RM), Vertrag läuft aus
Die Kampfmaschine. Vielseitig einsetzbar, kam er zuletzt auf der für ihn eher suboptimalen offensiven Außenbahn rechts zum Einsatz. Dort ordentlich. Wird wohl den Verein ablösefrei verlassen (müssen). Ich würde es bedauern, auch wenn er sich spielerisch nicht so entwickelt hat, wie ich es einst erhofft habe. Sollte er also gehen, wünsche ich ihm alles, alles Gute!

Robert Tesche, 26 (DM, ZM), Vertrag läuft aus
Noch ein Aussortierter. Trainingsweltmeister. Seit 2009 im Verein, blieb er meist im eigentlichen Wettkampf Vieles schuldig. In den letzten Spielen unter Slomka mit ansteigender Form. Vollwertiger, wenn aber auch nur durchschnittlicher Bundesligaspieler. Wird wohl den Verein ablösefrei verlassen. In Hamburg sagt man in solchen Fällen: Danke und Tschüs.

Tolgay Arslan, 23 (DM, ZM), Vertrag bis 2015
Großes Talent, das anscheinend zur Selbstüberschätzung neigt. Läuferisch schnell, bissig (gelegentlich zu ungestüm) im Zweikampf, gute Technik. Einigen wirklich guten Spielen stehen diverse Einsätze gegenüber, in denen er vollkommen abtauchte und Alibifußball spielte, oder es mit Einzelaktionen übertrieb, die oft genug zu Ballverlusten und Gegentoren führten. Sein noch junges Alter und sein grundsätzliches Potenzial sind Argumente, um (noch!) Geduld zu haben.

Quasim Bouy, 20 (DM, ZM), ausgeliehen,Vertrag läuft aus
Leihspieler, der mit wenig Spielpraxis aus Italien kam. Kam kaum zum Zuge und kehrt zurück. Tschüs!

Kerim Demirbay, 20 (ZM, DM), Vertrag bis 2017
Ebenfalls lange verletzt, deutete er an, dass er mindestens Arslan in der nächsten Saison ernsthafte Konkurrenz bereiten könnte.

Petr Jirácek, 28 (LM, LV), Vertrag bis 2016
Für mich eher ein Sechser. Kam aber beim HSV meist auf der linken Außenbahn, defensiv und offensiv, zum Einsatz. Stets einsatzwillig und zuverlässig. Befriedigend.

Rafael van der Vaart, 31 (OM), Vertrag bis 2015
Das große Missverständnis. Als dominierender Zehner geholt, der er nie gewesen ist!, spielte er meist als Neuneinhalber, was er kann. Läuferisch gilt für ihn dasselbe, was ich bereits zu Badelj feststellte. Dennoch immer bemüht, jedoch viel zu oft und lang ohne Form. Die Unruhe in seinem Privatleben dürfte sich auch nicht leistungsfördernd ausgewirkt haben. Schon aus finanziellen Gründen muss man über eine vorzeitige Trennung nachdenken. Einsatz (Gehalt) und Ertrag (Leistung) standen in einem Missverhältnis.

Hakan Calhanoglu, 20 (OM), Vertrag bis 2018
Großes Talent. Hatte in der ersten Halbserie verständliche Anpassungsprobleme an das grundsätzlich höhere Niveau der ersten Liga. Da spielte er oft zu naiv. Einer von vielen Gründen, die den HSV überhaupt erst derart abstürzen ließen. In der Rückrunde zeitweilig mit großartigen Leistungen. Verlängerte vor wenigen Monaten bis 2018, als der HSV schon gegen den Abstieg spielte!, und meint jetzt(!) festgestellt zu haben, dass die sportliche Perspektive (CL) nicht mehr stimmt und will zu Leverkusen. Der Verein sollte hier hart bleiben und ein Exempel statuieren. Was erlauben Hakan?!

Ola John, 22 (LA, RA), ausgeliehen, Vertrag läuft aus
Deutete an, dass er Talent besitzt, konnte sich aber nicht schnell genug an die Bundesliga anpassen, was ich ihm nicht vorwerfe. Da ohnehin nur ausgeliehen und nicht vollständig überzeugend, trennen sich die Wege. Alles Gute und Tschüs!

Ivo Ilicevic, 27 (LA), Vertrag bis 2015
Seuchenvogel. Seine letzte Verletzung dürfte ihn endgültig die WM-Teilnahme gekostet haben. Konnte (mal wieder) nur rund die Hälfte aller Spiele bestreiten. Lief auch aufgrund seiner diversen Verletzungen permanent seiner Form hinterher. Potenzieller Kandidat für die Transferliste.

Maximilian Beister, 23 (RA), Vertrag bis 2016
In der ersten Halbserie und bis zu seinem Kreuzbandriss neben Lasogga noch der beste Offensivspieler. Befriedigend.

Valmir Nafiu, 20 (RA), Vertrag läuft aus
Für mich nicht zu bewerten.

Pierre-Michel Lasogga, 22 (ST), ausgeliehen, Vertrag läuft aus
Wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit den HSV verlassen. Ingesamt eine gute Saison. Hat mit seinen 15 Toren, darunter das Auswärtstor in der Relegation, den Verein in der Liga gehalten. Ohne ihn, das dürfte jeder gesehen haben, war der HSV fast nur über Freistöße Calhanoglus torgefährlich. Sein körperbetontes Spiel prädestiniert ihn für die Premier League. Ob sein Körper dem gewachsen ist, darf allerdings in (leichten) Zweifel gezogen werden. Dem HSV und mir wird er fehlen. Danke, Pierre!

Jacques Zoua, 22 (ST), Vertrag bis 2016
Talent. Besser als ihn Viele gesehen haben. War immer fleißig und hat, gerade wenn Lasogga verletzt ausfiel, offensiv viele, hohe Bälle festgemacht. Allein damit hatte er in diesen Spielen ein Alleinstellungsmerkmal. Ihm fehlte Explosivität, was möglicherweise ebenfalls Folge der unbefriedigenden konditionellen Saisonvorbereitung gewesen ist. Braucht zudem mehr Selbstvertrauen und Zug zum Tor, wenn er sich beim HSV durchsetzen will. Meiner Meinung nach sollte man die nächste Saison abwarten.

Mattia Maggio, 20 (ST), Vertrag läuft aus
Nur als absoluter Notnagel aus der U23 hochgezogen, gelangen ihm im Training einige Treffer. Über welches tatsächliche Potenzial er verfügt, ist von mir nicht zu beurteilen.

Fazit: Der HSV besitzt unverändert ein Überangebot an Innenverteidigern und (denkbaren) Sechsern. Dennoch wurde für das (defensive) Mittelfeld bisher keine wirklich überzeugende Lösung gefunden. Für den Offensivbereich kehrt Rudnevs zurück, aber der dürfte die große Lücke, die Lasogga wahrscheinlich  hinterlässt, allein nicht füllen können. Zumal man nach einer Rückkehr von dem dann lange ausgefallenen Beister von diesem keine Wunder erwarten darf. Zudem braucht der HSV läuferisch und spielerisch viel mehr Geschwindigkeit in seinem Spiel. Beides wird sich zwar durch eine gute Vorbereitung verbessern lassen, aber  auch hier sollte personell nachgebessert werden. Baustellen gibt es also genug. Da trifft es sich gut, – Achtung! Sarkasmus – dass der Verein praktisch kein Geld zur Verfügung hat und einige Fantasten noch HSVPlus verhindern wollen.

Von Narren, Dinos und Scheidewegen: 1. FSV Mainz 05 – Hamburger SV

Morgen ist es also soweit: Der HSV trifft im letzten Saisonspiel des regulären Spielplans auf Mainz 05. Und ehrlich gesagt bin ich erleichtert. Erleichtert, dass diese desaströse Saison aus Sicht der Hamburger nun endlich zu einem Ende kommt. Seit Wochen gleicht jedes Denken über die sportliche Situation des Dinos einem nie endenwollenden Horror vacui. Spieltag für Spieltag blieben viele, viel zu viele Fragen offen. Fast alle zwischenzeitlich vermeintlich gefundenden Antworten erwiesen sich binnen kürzester Zeit als untauglich und hinfällig. Mit Mirko Slomka beschäftigt man bekanntlich inzwischen (nach Thorsten Fink und Bert van Marwijk) den dritten Trainer in dieser Spielzeit.  Und man darf aus guten Gründen daran zweifeln, ob dieser Trainer, so er denn mit dem HSV absteigen sollte, auch in der zweiten Liga Trainer des Hamburger Sportvereins sein wird. Denn mit der Realität hat man es nicht so in Hamburg. Im Zweifel zählen die sprichwörtliche „Raute im Herzen“ oder das Image mehr als die fachliche Qualifikation. Man fühlt sich stets zu Höherem berufen und verpflichtet „Namen“. Als Ausdruck dieser Denke darf man getrost das vom Vorstandvorsitzenden Jarchow verkündete ursprüngliche Saisonziel, Platz 6 und der Einzug in das internationale Geschäft, werten. Eine nüchterne sportliche Analyse der Leistungen in der Vorsaison hätte meiner Meinung nach zur Vorsicht gemahnen müssen. Zwar wurde unter dem damaligen Trainer, Thorsten Fink,  Platz 7 erreicht, jedoch waren die Leistungen schon damals alles andere als berauschend, teilweise sogar desolat. Die Mannschaft spielte bereits damals äußerst wechselhaft. Vor allem gegen Ende der Saison wurde zunehmend deutlich, dass die von Fink verordnete Spielanlage, u.a. abkippender Sechser und einrückende offensive Außenbahnspieler, alles andere als sattelfest wirkte. Im Gegenteil! In der Theorie war Finks Taktik durchaus vielversprechend,  interessant und anspruchsvoll. In der Praxis spielte der HSV absolut schematisch und leicht vorhersehbar. So verwundert es nicht, dass die gegnerischen Trainer alsbald eine eigene taktische Lösung gegen den HSV fink’scher Prägung  gefunden hatten. Man stellte im Zentrum die Räume zu, attackierte konsequent bereits den Spielaufbau des HSVs und musste nur auf die vorhersehbaren Ballverluste der  Hamburger warten. Wahlweise konnte man dann über die entblößten Flügel oder sogar durch die Mitte kontern. (Um Missverständnisse zu vermeiden: Was sich vielleicht wie eine Abrechnung mit Fink liest, ist so nicht gemeint. Ich halte Finks System für unverändert interessant und glaube, dass man das mit einer anderen, einer individuell besseren Mannschaft durchaus erfolgreich spielen lassen kann.) Wenn man in Hamburg jedoch schon nicht die ganz großen Namen präsentieren kann, dann, darauf kommt es mir hier an, will man sich wenigstens umgehend den Abglanz der tatsächlich Großen holen. Ausdruck dessen sind für mich dann Namen wie Fink und auch Kreuzer, die dem Verein endlich das bayrische „Sieger-Gen“ verschaffen soll(t)en. Dabei wurde, so mein Eindruck, viel zu lange übersehen, dass der Erfolg der Münchner auf vielen Säulen beruht, die alle aufzuzählen ich mir hier erspare. Allein das viel zitierte „mia san mia“-Credo der Münchner ist es jedenfalls nicht, sondern vor allem fachliche Kompetenz im Verein auf allen Ebenen. In Hamburg hingegen blendet man sich traditionell mit bekannten Namen, Bert van Marwijk war auch so einer, und kündigt permanent Konzepte an, die oft schon nach wenigen Wochen wieder in Frage gestellt werden. Rein in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln – auch das ist der Hamburger Sportverein. Dass sich der HSV einen grotesk aufgeblähten Aufsichtsrat bis heute leistet, dessen wesentliches Merkmal die Tatsache ist, dass Interna umgehend nach außen getragen werden, um sie in der örtlichen Boulevardpresse zu lancieren, und in welchem man sportliche Kompetenz seit Jahrzehnten mit der Lupe suchen musste, auch das begründet die Behauptung, dass die tatsächlichen Narren der Liga nicht beim kommenden Gegner in Mainz, sondern längst in der Hansestadt beheimatet sind.

Der Mainzer Manager, Heidel, schrieb es dem HSV vor Wochen in einem überaus lesenswerten Interview mit der FAZ ins Gebetbuch. Nachzulesen ist es hier:

http://www.faz.net/aktuell/sport/fussball/bundesliga/im-gespraech-mainz-manager-heidel-was-der-hsv-macht-ist-grundfalsch-12806212.html

Ich möchte daraus nur einen Gedanken aufgreifen: Heidel stellt m.E. zutreffend fest, dass der HSV eine vereinseigene Philosophie entwickeln müsse, die unabhängig von jeweils neuen Personal (u.a. Trainer, Sportdirektor) zu funktionieren habe. Die Realität beim HSV ist unverändert eine andere. Inzwischen ist Sportdirektor Kreuzer m.E. erkennbar darum bemüht, die z.T katastrophalen personellen Entscheidungen der Vergangenheit, z.B. die Aussortierung der Ex-Chelsea-Spieler (Fink), die Abgabe Rudnevs an Hannover 96 (Fink und van Marwijk), oder die Verpflichtung der nur eingeschränkt bundesligatauglichen Perspektivspieler, John und Bouy (van Marwijk), den ehemaligen Trainern in die Schuhe zu schieben. Natürlich, das sehe ich wohl, sollte man als sportliche Führung möglichst in inhaltlichen Bewertungen übereinstimmen. Dass aber ein Manager in Hamburg einen Trainer umgehend entlässt, weil dieser seiner Meinung nach nicht zur Vereinsphilosophie passt, so geschehen seinerzeit bei Jörn Andersens Entlassung durch Heidel in Mainz, das ist in Hamburg praktisch unvorstellbar. Denn eine tatsächliche Vereinsphilosophie hat der HSV, wenn wir mal von der relativ kurzen Ära Hoffmann/Beiersdorfer absehen, ebenso wenig, wie profifußballspezifische Kompetenz in seinen Gremien. Zu wahrer Meisterschaft hat es der HSV in den vergangenen Jahrzehnten meist nur im regelmäßig überhöhten Anspruch an sich selbst und in seinen diversen Possenspielen gebracht. Auch hier steht der HSV am Scheideweg: inzwischen ist der HSV auch aufgrund der vielen Fehlentscheidungen finanziell bekanntlich in einer derart prekären Lage, dass man, auch wenn man in Einzelpunkten das Ausgliederungsvorhaben der Initiative HSVPlus kritisch sehen mag, am 25. Mai entweder die notwendige Mehrheit von 75,1 Prozent der stimmberechtigten Vereinsmitglieder erreicht, oder  sich mindestens dauerhaft aus der ersten Liga verabschiedet. Dass die Ausgliederungsgegner trotz eines deutlichen Wählervotums bei der Mitgliederversammlung im Januar mit 54 (in Worten: vierundfünfzig!) einzelnen Anträgen noch diese Entscheidung verhindern wollen – mehr Narretei ist in meinen Augen fast unvorstellbar.

Vor dem kommenden Spiel  dürfte die tabellarische Ausgangslage hinlänglich bekannt sein. Jeder ist in der Lage, die Tabelle zu lesen und entsprechende Rechnungen anzustellen. Der HSV hat, das ist entscheidend, sein Schicksal in den eigenen Händen. Ermutigend erscheint mir, dass der schmerzlich vermisste Torjäger Lasogga wohl wieder zur Verfügung steht. Unklar erscheint mir jedoch, ob seine Fitness einen Einsatz von Beginn an zulassen wird. Gleiches scheint mir für beide nominellen Außenverteidiger, Diekmeier und Jansen, sowie für Djourou fraglich. Ich tippe mal auf die folgende Aufstellung:

Adler – Diekmeier, Westermann, Mancienne, Jiracek (Jansen) – Calhanoglu, Badelj, Tesche, Ilicevic – van der Vaart – Lasogga

Bei Diekmeier stimmt mich allerdings nachdenklich, dass er zuletzt wenig mit der Mannschaft trainiert hat. Jansen hat laut Slomka nur „integrativ“, also nicht vollständig mit der Mannschaft trainieren können. An einen Startelfeinsatz glaube ich bei ihm daher nicht. Alternativ könnte ich mir auch in Anlehnung an das Spiel gegen den FCB und unter Berücksichtung der mutmaßlichen Fitnesszustände diese Aufstellung gut vorstellen:

Adler – Westermann, Djourou, Mancienne, Jiracek (Jansen) – Rincon, Badelj, Tesche (Arslan), Calhanoglu – van der Vaart – Ilicevic

Hier würden Westermann und Rincon die rechte Außenbahn bespielen. Auch wenn Rincon kein offensiver Außenbahnspieler ist, so hat er diese Position im Verbund mit Diekmeier zuletzt ordentlich gespielt, finde ich. Für einen Einsatz Arslans spräche, dass er nach seiner Sperre vollkommen ausgeruht sein dürfte. Angesichts der Bedeutung des Spiels und des damit einhergehenden nervlichen Drucks auf die Spieler wäre mir jedoch wohler, er bliebe zunächst auf der Bank. Es geht mir hier nicht darum, über diesen jungen Spieler den Stab endgültig zu brechen, aber in den letzten Spielen hat er aus meiner Sicht alles andere als überzeugt. Zu oft bot er Alibi-Fußball und zu naives taktisches Verhalten in meinen Augen. Aber vielleicht bringt ihn Slomka ja doch, und Tolgay straft mich Lügen. Ich hätte nichts dagegen. Denn dass er nicht nur Talent besitzt, sondern auch gute Spiele machen kann, auch das hat er vor allem in der Rückrunde bereits mehrfach bewiesen. Bei jungen Spielern ist einfach immer mit einer gewissen Leistungsschwankung zu rechnen. Auch ein Grund, warum ich derzeit dem erfahreneren Tesche bevorzugen würde. So oder so – sollte der wort case eintreten, dann dürfte es ohnehin der letzte Auftritt diverser Spieler im Dress des HSVs werden. Ich gehe ohnehin davon aus, dass wir mindestens van der Vaart, Jansen, Rincon und Lasogga in der nächsten Saison in anderen Trikots sehen werden. Schon allein aus finanziellen Gründen…

Tuchels Mainzer spielen in einer ähnlichen Grundformation wie der Hamburger Sportverein, also in einem 4-2-3-1. Der Mainzer Trainer ist bekannt dafür, dass er zu jedem Gegner einen ganz speziellen Match-Plan entwickelt. Das macht zwar in meinen Augen tatsächlich jeder Trainer, dennoch dürften wenige Übungsleiter in der Liga gegnerbedingt ggf. so viele personelle Umstellungen vornehmen, wie es der Mainzer regelmäßig exerziert. Ich erwarte, dass er seine Mannschaft grundsätzlich offensiv einstellen wird. Dazu gehört, dass man mindestens phasenweise mit konsequentem Offensivpressing das Nervenkostüm der Hamburger testen wird. Dass die Hamburger immer mal wieder für einen Aussetzer gut sind, davon kann sicher nicht nur der leidgeprüfte HSV-Anhang inzwischen ein Lied singen. Aus Sicht des HSV spricht zunächst wenig dafür, die eigene Defensive zugunsten eigener Angriffsbemühungen zu vernachlässigen. Sicher, so konnte man es bei der PK vor dem Spiel bei Slomka heraushören, wird man fortlaufend von den Spielständen bei der Konkurrenz unterrichtet und ggf. darauf reagieren. Insofern wäre auch denkbar, dass man, ähnlich wie gegen Bayern, zunächst eher auf Konter spielt, bzw. über die lauffreudigen Ilicevic und van der Vaart versucht, die Mainzer entscheidend zu attackieren. Lasogga bliebe dann als erste Option zunächst auf der Bank und käme nach seiner Verletzung erst im Laufe der zweiten Halbzeit ins Spiel, bzw. würde in Abhängigkeit vom jeweiligen Stand der Dinge frischen Elan bringen können.

Ich gehe also grundsätzlich von offensiven Mainzern und einer zunächst um defensive Stabilität bemühten Hamburger Mannschaft aus. Vermag es der HSV erneut kompakt zu agieren, ohne sich durch haarsträubende Aussetzer selbst um den Lohn zu bringen, dann wird dieses Spiel nur die erste Weggabelung auf dem Weg zum Klassenerhalt. Verfällt der Dino jedoch in seinen sattsam bekannten Kardinalsfehler, taktisch nicht als Team zu spielen, dann könnte man leider bereits zur Sportschau feststellen müssen, dass sich der Dino faktisch selbst ausgerottet hat. Und da ich inzwischen davon überzeugt bin, dass es mit Sicherheit in und rund um den Verein mehr als genug Narren gab und unverändert gibt, wäre sein Aussterben zwar allemal beklagenswert, aber eben vor allem selbst verschuldet. Morgen wird, hoffentlich, hoffentlich!, vorerst nur die sportliche Zukunft (vor)entschieden. Der HSV aber muss sich in diesen Tagen und Wochen endlich grundsätzlich entscheiden, was er zukünftig sein möchte: Ein selbstverliebter, realitätsleugnender Gernegroß, ein Maulheld nicht eingelöster Ankündigungen, oder ein Verein, der die vielfältigen Lektionen der letzten Jahre endlich gelernt hat. Wer es jetzt noch nicht begriffen hat, dem ist m.E. kaum noch zu helfen. Am Ende bekommt man nur das, was man sich verdient. So oder so. Dieser Dino wäre jedenfalls der erste, der nicht durch höhere Mächte, sondern durch eigenes Verhalten ausstirbt.

Die Partie wird geleitet von Schiedsrichter Kinhöfer.