Kießling

Nach einer taktisch reifen Leistung im Achtelfinale: USA – Deutschland 0:1 (0:0)

Ich gebe zu, ich bin nicht gerade davon begeistert, dass Jogi Löw in den bisherigen Spielen eine defensive Viererkette mit gleich vier gelernten Innenverteidigern aufgeboten hat. Es entspricht einfach nicht meiner Vorstellung vom modernen Fußball. Ich respektiere die Entscheidung Löws, zumal ihm der bisherige Erfolg recht zu geben scheint, aber mir ist es grundsätzlich lieber, wenn eine Mannschaft mit gelernten (auch offensiv starken) Außenverteidigern antritt. Löw argumentierte, dass die umfunktionierten Innenverteidiger aufgrund ihrer Stammposition im Verein eher darauf achten würden, dass das Zentrum geschlossen bleibt. Dieser Gedanke ist zweifellos nachvollziehbar, jedoch bin ich der Meinung, dass hier zugunsten des geschlossenen Zentrums offensives Potenzial geopfert wird. Ich aber sehe gerne offensiven Fußball, auch wenn ich mich an einer taktisch disziplinierten Defensive durchaus erfreuen kann. Allerdings weiß ich aus eigener Erfahrung, dass Turniere kaum Fehler verzeihen, sofern man am Ende erfolgreich sein möchte. Und mir ist natürlich bewusst, dass nicht ich sondern Löw den Kopf hinhalten muss, wenn die Mannschaft nicht die Erwartungen erfüllt. Insofern gilt in diesem Zusammenang für mich: Verständnis ja, Begeisterung nein.

Eher schon kann ich mich mit der s.g. Falschen Neun anfreunden, zumal wenn sie so hervorragend interpretiert wird, wie dies Müller im ersten Gruppenspiel gegen Portugal gelang. Aber auch hier ist es so, dass mir ein klassischer Stürmer lieber wäre. Allerdings nicht jeder. Ein Kießling, gewiss ein überdurchschnittlich treffsicherer, überdurchschnittlicher Stürmer, ist m.E. zurecht nicht nominiert worden. Dies ist in meinen Augen auch keine Kritik an seiner generellen Qualität, sondern eine Entscheidung für eine bestimmte Spielphilosophie, in die er nicht hineinpasst. Kießling ist schnell und unbestreitbar abschlussstark. Qualitäten, die ihn für ein Konterspiel Leverkusener Prägung prädestinieren. Die Nationalmannschaft (unter Löw) spielt jedoch einen anderen Fußball. Der ist m.E. näher am Ballbesitzfußball van Gaals (zu Bayern-Zeiten) oder an dem Fußball Guardiolas orientiert, in welchem polyvalente Spieler tendenziell jede Position je nach Erfordernis (aufgrund der Spielsituation) bespielen müssen, was in der Konsequenz mindestens die Aufweichung fester Rollenzuteilungen zur Folge hat. In beiden Philosophien aber braucht man pass- und spielstarke „Stürmer“. Und genau hier liegen die Vorzüge des von Löw nominierten Offensivpersonals und die Nachteile z.B. eines Kießlings. Dennoch wäre mir ein klarer Stürmer lieber, schrieb ich. Und damit meine ich einen wie Klose. Leider, und darin liegt bei dieser WM die Krux, ist der gute Miroslav inzwischen bekanntlich nicht mehr der Jüngste. Daher reicht es wohl einfach nicht für volle neunzig Minuten (mehrfach hintereinander). Aber wäre Klose noch jünger, er wäre bei mir fast gesetzt. Denn er ist ball- und passsicher und ausgesprochen mannschaftsdienlich. Und dennoch besitzt er die klassischen Stürmertugenden: Er hat das Näschen für die Torgefahr, ist nervenstark im Abschluss, kann mit dem Rücken zum Tor den Ball behaupten und ist zudem kopfballstark, also jederzeit ein ernstzunehmender Abnehmer für hohe Bälle von außen. Womit sich der Kreis zu meiner oben angesprochenen Vorliebe für gelernte Außenverteidiger in gewisser Weise schließt. Zudem ist gerade bei dieser WM zu beobachten, dass viele Tore aus Standards erzielt werden. Was mich wiederum schlussfolgern lässt, dass hohe Bälle (und damit die Verwerter derselben) auch im modernen Fußball weiterhin von Bedeutung sind (und bleiben).

Löw steht in meinen Augen bei dieser WM vor der Herausforderung, dass der Fußball, den er wohl grundsätzlich favorisiert, schon aufgrund der klimatischen Bedingungen zu kräfteraubend erscheint, will man ihn über mehrere Partien in relativ kurzer Zeit (wie bei einem Turnier üblich) zeigen. Dazu gesellen sich die Tatsache, dass die reguläre Saison für die Spitzenspieler außerordentlich lang und kräfteraubend ist und der Umstand, dass die Deutsche Elf bereits mit einigen angeschlagenen, bzw. nicht völlig ausgeruhten (Lahm) und topfitten Spielern (Khedira, Schweinsteiger) anreiste, was ein Job-Sharing vor allem im Defensiven Mittelfeld nahelegt.

Sei es, wie es sei – Löw wählte gegen die kampfstarken USA die folgende Aufstellung: Neuer – Boateng, Mertesacker, Hummels, Höwedes –  Lahm, Schweinsteiger (76. Götze), Kroos, Özil (89. Schürrle), Podolski (46. Klose) – Müller

Spielverlauf: die Deutsche Elf kam gut in das Spiel. Das lag auch daran, dass sich die von Jürgen Klinsmann gecoachten USA zunächst auf die Defensive und hier auf das Blockieren möglicher Passwege für Deutschland beschränkten. Nominell in einem 4-2-3-1 agierend, waren die Nordamerikaner erkennbar um Kompaktheit bemüht und wollten ganz offensichtlich über Konter (Neu-Fußballdeutsch: schnelles Umschaltspiel) ihrerseits zu einem Torerfolg kommen. Mit anderen  Worten: sie überließen über weite Strecken der erste Spielhälfte der deutschen Nationalmannschaft einen Großteil des Feldes und die alleinige Spielgestaltung.

Die deutsche Abwehr stand demzufolge meist sehr hoch (fast an der Mittellinie). Sehr schnell wurde eins augenfällig: Während der auch offensiv sehr aktive rechte Außenverteidiger Deutschlands, Boateng, sich immer wieder in das eigene Angriffsspiel einzuschalten versuchte, beschränkte sich sein Pendant auf der linken defensiven Seite, Höwedes, fast ausschließlich auf seine defensiven Aufgaben. Resultat war eine deutliche Asymmetrie bei den deutschen Angriffsbemühungen über die Flügel. Während gerade zu Beginn fast jeder Spielzug eine scharfe Hereingabe Boatengs in den Strafraum der USA beinhaltete (die meist denkbar knapp vom zentral vor dem gegnerischen Tor  lauernden Müller verpasst wurde), kam Podolski über die linke Seite nur selten zum Zuge, was z.T. aber auch an der mangelnden Unterstützung u.a. durch Höwedes gelegen haben könnte.

Auffällig im deutschen Spiel der ersten Hälfte war für mich Schweinsteiger, der immer wieder intelligente Pässe oder Laufwege zeigte. Auch Özil zeigte sich, meist auf dem von ihm eher ungeliebten rechten Flügel agierend, in aufsteigender Form. Boateng war offensiv sehr aktiv, wirkte jedoch bei der Wahrnehmung seiner defensiven Aufgaben gelegentlich nicht ganz konzentriert. Zudem fehlte seinen langen Bälle mehrfach die nötige Präzision.

Die deutsche Elf erspielte sich zwar die eindeutige Feldüberlegenheit und ein kleines  Chancenplus (wenn man die wirklich klaren Torchancen betrachtet), jedoch fehlte die ganz, ganz große Torgefahr. Löw reagierte früh und entschied sich, den  fast wirkungslosen Podolski auszuwechseln. Für ihn kam der einzige klassische Stürmer des Kaders (s.o.), Klose. Dieser übernahm nun die Position der vordersten Spitze, während sich Müller in die offensive Dreierkette dahinter einreihte. Da das Personal der Dreierkette fortan munter auf den Positionen rochierte, wirkte die Abwehr der Amerikaner nun deutlich unsicherer.

In der 55. Spielminute war es dann soweit. Nach einer von der deutschen Elf kurz ausgeführten Ecke von rechts flankte der ansonsten unauffällige Kroos an den Fünfmeterraum. Mertesackers Kopfball konnte Howard im Tor der US-Boys gerade nach parieren, aber er ließ den Ball nach vorne prallen. Müller kam aus halblinker Position an der Strafraumgrenze zum Nachschuss und schlenzte den Ball überlegt ins lange Eck. Der erhoffte Führungstreffer aus deutscher Sicht.

In der Folge verflachte das Spiel deutlich. Die deutsche Elf dominierte das Spiel, beschränkte sich jedoch mit zunehmender Spieldauer auf die Verwaltung der Führung. Die USA blieben trotz mehrfacher Personalwechsel Klinsmanns im Grunde harmlos. Angesichts des Zwischenstandes in der parallel stattfindenden Partie Portugal-Ghana (Endstand 2:1) muss man Verständnis dafür haben, dass die deutsche Mannschaft mit dem Führungstreffer im Rücken offensiv nicht mehr höheres Risiko eingehen wollte. Safety first schien da die verständliche Devise. Dennoch ist zu bemängeln, dass eine Vielzahl an im Ansatz vielversprechenden Möglichkeiten durch schlecht getimte Flanken oder ungenaue Pässe verschenkt wurden. Dies mag aber auch zu einem Teil dem durch den Dauerregen glitschigen Rasen geschuldet gewesen sein.

Die beste Torchance für die USA ergab sich, und das ist bezeichnend für den Spielverlauf, in der Nachspielzeit. In der  93. Minute konnte Kapitän Lahm den Torschuss der Amerikaner nach einem Konter über ihre rechte Angriffsseite gerade noch blocken. Er rettete damit seiner Mannschaft endgültig den Sieg und krönte seine eigene, dieses Mal wieder tadellose Leistung.

Schiedsrichter: Ravshan Irmatov (Usbekistan). Bevorzugte m.E. gelegentlich die deutsche Elf, ohne damit jedoch spielentscheidend einzugreifen.

Fazit: Ich bin mir nicht sicher, ob Klinsmann seiner Mannnschaft mit der eher passiven, defensiven Ausrichtung wirklich einen Gefallen getan hat. Immerhin aber, das muss man ja auch anerkennen, hat auch seine Mannschaft die Vorrunde nun erfolgreich überstanden.

Erneut zeigt sich, dass Löw über eine Vielzahl an Alternativen verfügt. Schweinsteiger (statt Khedira) ordnete zusammen mit Lahm das Spiel und hatte einige hübsche Ideen. Es zeigte sich auch wieder, dass sich u.a. durch Klose das Angriffsspiel entscheidend variieren lässt, auch wenn er selbst dieses Mal leer ausging.
Auch wenn Höwedes defensiv seine Aufgabe durchaus ordentlich gelöst hat, so würde ich mir mindestens auf dieser Position mehr Mut zum Risiko, mehr Engagement nach vorn wünschen. Spielerisch mag die Mannschaft in der zweiten Hälfte einiges schuldig geblieben sein. Aus taktischer Sicht hat sie jedoch durchaus clever agiert. Die Verwaltung von Minimalvorsprüngen ist ja normalerweise eine der Stärken, die man nicht den deutschen sondern den italienischen Mannschaften nachsagt. So gesehen war das eine reife Leistung  der  deutschen Elf.

Die deutsche Mannschaft beendet also die Vorrunde als Gruppensieger und hat das Achtelfinale erreicht. Glückwunsch! Beide wahrscheinlichen Gegner dort, Russland oder Algerien, erscheinen nach den bisherigen Eindrücken als durchaus lösbare Aufgaben.

Werbung

Totgesagte leben länger! HSV – Bayer 04 Leverkusen 2:1 (1:0)

+++ Aktualisierung: Leverkusen entlässt Hyypiä. Nachfolger ist Sascha Lewandowski +++

Was für ein Spiel, welch ein Spektakel! Der von Vielen schon als sicherer Absteiger abgeschriebene HSV erkämpft sich drei ganz wichtige Punkte gegen den Favoriten aus Leverkusen. Wann hat man zuletzt ein Spiel mit Hamburger Beteiligung gesehen, das so reich an Höhepunkten war, und in dem am Ende der HSV den Platz als Sieger verließ?! Ich kann mich gerade nicht erinnern. Bis es aber soweit war, glich das Spiel einer einzigen emotionalen Achterbahnfahrt: Hoffen, Jubel, Entsetzen, Bangen und Erlösung – das volle Programm, würde Dittsche sagen.

Der HSV begann in der von mir prognostizierten Aufstellung, während Hyypiä diverse Wechsel in der Startformation vornahm. So kam u.a. Julian Brandt auf dem rechten Flügel zum Einsatz.

Aufstellung: Adler – Diekmeier, Djourou, Mancienne, Westermann – Calhanoglu, Arslan, Badelj (33. Rincon), Jiracek – van der Vaart (68. Tesche) – Zoua (77. Maggio)

Spielverlauf: Der HSV begann die Partie furios. Es war zu spüren, dass die Mannschaft von Beginn an um ihre „letzte“ Chance kämpfte. Da wurde gerannt, gekämpft und sich gegenseitig geholfen, als gäbe es kein morgen. Das von mir erwartete, starke Offensivpressing der Gäste auf unsere Innenverteidigung im Spielaufbau fand zunächst kaum statt. Offenbar hatte auch hier Hyypiä seiner Mannschaft eine andere taktische Marschroute ausgegeben.
Bereits in der 4. Minute kam es zur Führung des HSVs. Kapitän van der Vaart, der in der ersten Spielhälfte als leidenschaftlich kämpfendes Vorbild voranging, legte einen Ball auf Calhanoglu ab. Hakan, der immer mehr zum absoluten Leistungsträger wird, fackelte nicht lange und schoss knallhart flach ins linke untere Eck des Gästetores. 1:0 für den HSV – ein Auftakt nach Maß!
Drei Minuten später trat Adler erstmals in Erscheinung. Er konnte gerade noch einen Schuss aus zentraler Position der Leverkusener parieren. Gut, dass wir diesen Mann im Kasten haben, dachte ich mir..
In der 20. Minute setzte dann der aufgerückte Mancienne(!) für den HSV einen Fallrückzieher knapp neben das Gehäuse der Gäste, während auf der anderen Seite Kießling, am linken Eck des Fünfmeter-Raumes stehend, den Ball am langen Pfosten vorbei schoss (22.). Nicht anders erging es Westermann (29.), der, nach einer Freistoßflanke von Calhanoglu, den Ball aus ca. fünf Metern links am Tor von Bayer vorbei beförderte. Was für Chancen hüben wie drüben! Zwischen den Chancen kämpften die Hamburger leidenschaftlich um jeden Ball und jeden Meter. Ich sah das mit einer Mischung aus Stolz und Sorge. Stolz, weil die Mannschaft ganz offensichtlich gewillt war, alle Unkenrufer Lügen zu strafen. Und Sorge, weil ich mir dachte: wenn das heute wieder nicht belohnt wird, dann könnte das mental der Genickbruch für die Truppe sein.
Dann kam Teil Eins dessen, was in dieser Seuchensaison des Hamburger Sportvereins wohl kommen muss: Badelj verletzte sich die Oberschenkelmuskulatur bei einem Torschussversuch und musste in der 33. Minute vom Feld. Für ihn kam „der General“ Rincon, die personifizierte „Kampfsau“ beim HSV.
In der 35. Minute kam der Ex-Hamburger und heutige Leverkusener Son aus fünf Metern zum Kopfball, aber Adler parierte einmal mehr überragend.
Die erste Hälfte endete in der Nachspielzeit mit gleich zwei Torgelegenheiten für den HSV. Erst schoss Calhanoglu mit Vollspann eine Bogenlampe auf das Tor der Gäste, die von Leno gerade noch über die Latte gelenkt werden konnte (45+1.), dann verpasste Jiracek denkbar knapp einen Ball, den der Gästetorwart abprallen ließ (45+2.). Kurz vor der Pause lag Zoua am Boden. Er hatte sich, so sah es jedenfalls aus, im Zweikampf eine Schienbeinprellung zugezogen. Beim Betrachten der Bilder schwante mir Übles, doch Zoua kam zur zweiten Hälfte zurück und konnte die Partie zunächst fortsetzen.

In der zweiten Spielhälfte war es erneut Calhanoglu, der aus halbrechter Position mit einem sehenswerten Schuss (54.) das lange obere Eck des Leverkusener Tores anvisierte. Aber auch hier war Leno auf dem Posten. Schade!
Nur eine Minute später trennte der Leverkusener Can im eigenen Strafraum Zoua mit äußerst robustem Körpereinsatz (55.) gerade noch vom Ball. Das hätte einen Strafstoß für den HSV geben können, gab es aber nicht. Angesichts der anderen, vom Schiedsrichter zugunsten des HSVs entschiedenen Strafraumszenen, sollte man sich aber aus Hamburger Sicht keinesfalls über diese Entscheidung beschweren…
Es kam die 58. Spielminute: der junge Julian Brandt nahm sein Herz in beide Hände und schoss aus 16 bis 17 Metern auf das Tor der Hamburger. Der Ball kam fast genau „auf den Mann“ und alles sah danach aus, als würde Adler den Ball mühelos fangen können. Weit gefehlt, leider! Der Ball sprang Adler aus den Armen, rotierte über dessen linken Unterarm und kullerte nebem dem linken Pfosten ins Tor der Hausherrn. 1:1  – ein klarer, eklatanter Torwartfehler. Darüber kann es keine Diskussion geben! Ich dachte sofort an das Braunschweig-Spiel und schickte umgehend eine SMS an den Fußballgott. Inhalt: Bitte erspare uns, dass uns ausgerechnet ein Fehler des ansonsten famosen Adlers am Ende die Punkte kostet!

Dann kam die nächste Hiobsbotschaft aus Sicht des HSVs: van der Vaart musste in der 68. Minute mit muskulären Problemen angeschlagen aus dem Spiel genommen werden. Es kam „Fußball-Gott“ Robert Tesche. Wer hätte vor wenigen Wochen noch gedacht, dass man sich als Hamburger noch glücklich schätzen würde, dass wir mit Tesche noch einen gestandenen Bundesligaprofi auf der Bank haben?

In der Folge übernahm eindeutig Bayer 04 das Kommando. Der unerwartete Ausgleich und die Umstellung hatten Spuren hinterlassen. Die Gäste drückten nun mit Macht auf den nächsten Treffer, während die Hamburger kaum noch Zugriff auf das Spiel, vor allem im Mittelfeld, bekamen. Plötzlich sah man nun auch das Offensivpressing der Leverkusener. Die Folge: Die Bälle wurden vom HSV mit Befreiungsschlägen einfach aus dem eigenen Strafraum herausgeschlagen, bzw. zu ungenau bei Konterversuchen hergeschenkt und kamen postwendend zurück. Das sah gar nicht gut aus, wenn man es mit dem Hamburger Sportverein hält, denn die Ordnung ging streckenweise verloren. Es wirkte so, als wäre der Führungstreffer für Leverkusen nur eine Frage der Zeit. An dieser Stelle ist aber nicht nur der bedingungslose Einsatz der gesamten Truppe zu loben, sondern auf zwei Dinge hinzuweisen:

1. Die hamburger Defensivspieler, allen voran beide Innenverteidiger, aber auch die beiden Sechser (Arslan!), antizipierten über weite Strecken des Spiels großartig die Anspielversuche der Leverkusener. So konnte Vieles schon im Ansatz entschärft werden. Bravo!;
2. Adler zeigte sich vollkommen unbeeindruckt von seinem schweren Fehler und setzte das Spiel fort, als wäre nichts geschehen. Er hielt, was zu halten war. Das ist mentale Stärke, das war einfach großartig!

Und weil es wohl dieses Jahr nicht genug Hiobsbotschaften aus Sicht des Hamburger Sportvereins geben kann, musste der bereits angeschlagene Zoua in der 77. Minute ebenfalls vom Feld und wurde vom U23-Stürmer Maggio ersetzt. Maggio konnte kaum wirkliche Akzente setzen, aber man sah sofort, dass er mindestens in Sachen Sprintgeschwindigkeit wettbewerbsfähig ist.
In der 78. Minute verpassten sowohl Maggio als auch Jiracek eine scharfe Hereingabe von Calhanoglu denkbar knapp vor dem Gehäuse der Gäste. Hyypiä ging nun angesichts der verbleibenden Spielzeit volles Risiko und brachte mit Derdiyok für Lars Bender (MIT) einen weiteren Stürmer. Und dann, als Hamburger glaubt man es ja kaum noch, hatte der Fußballgott ein Einsehen: Rincon schalltete schnell und richtig und passte zu dem aufgerückten Diekmeier auf den rechten Flügel. Dessen Hereingabe nahm, wer hätte das gedacht?!, ausgerechnet Westermann volley und drosch das Leder humorlos ins linke obere Eck. Leno war da vollkommen chancenlos. 2:1 für den HSV! Natürlich habe ich mich für die gesamte Mannschaft gefreut, aber das gerade dem oft zu unrecht gescholtenen Westermann dieser sehenswerte und unerhört wichtige Treffer gelang – das hat mich ganz besonders berührt…
In der Nachspielzeit (92.) wäre um ein Haar der erneute Ausgleich gefallen. Aber Adler konnte mit den Beinen einen Schussversuch Cans aus kürzester Distanz parieren. Welch ein Herzschlagfinale! So aber blieb es beim Sieg des Hamburger Sportvereins. Der Rest war kollektiver Jubel.

Fazit: Der HSV sendet ein kräftiges Lebenszeichen an die Konkurrenz. Der Sieg erscheint keineswegs völlig unverdient, wenn man an die diversen Ausfälle, die prekäre Ausgangslage und die grandiose kämpferische Leistung der Mannschaft denkt. Allerdings hatte die Truppe dieses Mal das nötige Glück auf ihrer Seite. Ich fühle mich in meiner Annahme (s.h. Vorschau zum Spiel) bestätigt, dass die vergangenen, relativ erfolglosen Wochen Spuren bei den Leverkusenern hinterlassen hatten. Die Mannschaft wirkte gerade zu Beginn der Partie nicht so sicher, wie man das eigentlich gewohnt ist. Ein Indiz dafür scheint mir auch zu sein, dass man nicht so aggressiv presste, wie man das schon von Bayer 04 gesehen hat. Der HSV springt zunächst auf Platz 15 auf Platz 16. Unabhängig vom Ausgang der Spiele der anderen, vom Abstieg gleichfalls bedrohten Mannschaften, erzeugt dies also Druck auf die Konkurrenz. Außerdem zeigte sich einmal mehr, hoffentlich auch so manchem Betrachter…!, dass auf Hamburger Seite keineswegs seelenlose, desinteressierte Söldner am Werk sind, sondern eine Mannschaft, die absolut gewillt ist, dem Verein die Schmach eines Abstiegs zu ersparen. Gelingt es nun, auswärts in Hannover nachzulegen, dann hält man alle Karten wieder selbst in der Hand. Aber auch wenn dies nicht gelingen sollte, zeigt sich erneut, dass man immer eine Chance auf weitere Siege hat, wenn man an sich glaubt und seine Hausaufgaben erledigt. Totgesagte leben bekanntlich länger – glauben wir dran!

Schiedsrichter: Dankert (Rostock). Hätte mindestens dreimal auf Elfmeter entscheiden können, wenn nicht gar müssen (Handspiel Djourou; Foul von Can an Zoua 55. Minute; Foul an Son in 73. Minute).  Wer sich als Hamburger gerne vom Schiedsrichter benachteiligt sieht – mit wesentlichen Entscheidungen Dankerts hat der HSV dieses Mal eindeutig Glück gehabt.

 

 

DAS RESTPROGRAMM


13. Hannover 96 (29 Pkt; -18):

Hamburger SV (H)
Eintracht Frankfurt (A)
VfB Stuttgart (H)
1. FC Nürnberg (A)
SC Freiburg (H)

14. SC Freiburg  (29 Pkt; -19):
Eintracht Braunschweig (H)
Borussia M’Gladbach (H)
VfL Wolfsburg (A)
FC Schalke 04 (H)
Hannover 96 (A)

15. VfB Stuttgart (27 Pkt; -13):
Borussia M’Gladbach (A)
Schalke 04 (H)
Hannover 96 (A)
VfL Wolfsburg (H)
Bayern München (A)

16. Hamburger Sportverein (27 Pkt; -15):
Hannover 96 (A)
VfL Wolfburg (H)
FC Augsburg (A)
Bayern München (H)
1. FSV Mainz 05 (A)

17. 1.FC Nürnberg (26 Pkt; -20)
VfL Wolfsburg (A)
Bayer Leverkusen (H)
1. FSV Mainz 05 (A)
Hannover 96 (H)
FC Schalke 04 (A)

18. Eintracht Braunschweig (25 Pkt; -22):
SC Freiburg (A)
Bayern München (H)
Hertha BSC (A)
FC Augsburg (H)
1899 Hoffenheim (A)