Beiersdorfer

von alten und neuen Kapitänen, Klippen und einer Bergung, die andauert

Preisfrage: was haben die Costa Concordia und der HSV gemeinsam? Antwort: Beide wurden von überforderten Kapitänen kommandiert, beide wurden fast versenkt. Und in beiden Fällen sind sich die Kapitäne kaum einer Schuld bewusst.

Der Unterschied: der gockelhafte Capitano Schettino, der das ihm anvertraute Schiff offenbar vor allem aus Geltungssucht auf die Klippen der kleinen Insel Giglio setzte, bevor er natürlich nur rein zufällig in eines der ersten Rettungsboote stolperte, der besitzt (noch) ein Kapitänspatent. Carl-Edgar Jarchow wurde die Befähigung zur Führung des Dickschiffs namens HSV lediglich unterstellt. Ein in Kreisen Hamburger Pfeffersäcke durchaus klangvoller Nachname, ein wenig rhetorische Befähigung zu Politiker-Floskeln, schon wurde aus einem Hinterbänkler ein idealer Kompromisskandidat. Ein Kapitänspatent, also die tatsächlich nachgewiesene Befähigung zur Leitung eines mittelständischen Unternehmens mit einem Jahresumsatz von immerhin ca. 140 Millionen Euro in einer sehr speziellen Branche – wer braucht das schon? Wen wundert es, dass Jarchow, der mindestens die politische Verantwortung für  eine unter seiner Führung dramatisch verschlechterte finanzielle Lage des Vereins trägt, rückblickend nur die eine oder andere personelle Entscheidung als  eigenen Fehler erkennt.

Kapitäne, die vor allem auch Kraft ihrer eigenen Einschätzung über das Patent zur großen Fahrt verfügten, auch das hat(te) schließlich traurige Tradition beim einst ruhmreichen Hamburger SV.  Doch mit Ruhm und Tradition ist das so eine Sache. Beides gründet in der Regel auf Vergangenem.

Einschneidende Veränderungen und die Mär vom ausgeglichenen Wettbewerb

Der Fußball hat sich seit Gründung der Bundesliga fortlaufend verändert. Wie alle anderen Sportarten auch. Das ist eben so banal wie einfach festzustellen. Die vierstellige Bezahlung, für welche die ersten Profis noch die Schuhe schnürten, die verlangt heute schon ein namenloses Nachwuchstalent. Plus Festanstellung für den Herrn Papa, z.B. als Scout selbstredend.

Durch das Bosman-Urteil (1995) des Europäischen Gerichtshofs haben sich die Kräfteverhältnisse in den Vertragsverhandlungen zwischen Vereinen und Spielern zugunsten der Spieler verschoben. Durch den Einstieg des Bezahlfernsehens kamen Gelder in bis dato ungeahnter Größenordnung in Umlauf. Und die Umgestaltung der kontinentalen Pokal-Wettbewerbe in Ligen (in Europa: Championsleague, Euro-League) bewirkte ein Übriges. Wenn ich mich recht erinnere, so wurde in den Neunzigern eine von den nationalen Ligen gänzlich abgekoppelte eigene Liga für die G20-BigPlayer unter den Vereinen diskutiert und lautstark abgelehnt. De facto ist sie jedoch durch die Hintertür längst eingeführt worden. Denn früher ließ sich mit dem Gewinn des UEFA-Pokals oder des Europapokals der Pokalsieger durchaus noch Staat machen ( – auch wenn der Pokal der Landesmeister schon damals der bedeutendste Wettbewerb war). Heute landet man als Runner-up des nationalen Wettbewerbs oder Gewinner des nationalen Pokals in einem Trostpflaster-Wettbewerb namens Europa-League, der zunächst einmal Geld kostet. Weil man die Kadergröße an die Doppelbelastung anpassen muss, weil Siegprämien zu zahlen und zusätzliche Reisekosten zu tragen sind. Etwas Geld kann man dort erst ab dem Halbfinale verdienen. Leider garantiert einem keiner zum Start, dass man diese Gewinnzone auch tatsächlich erreicht. Anders für die Teilnehmer der Champions League. Hier werden zweistellige Millionenbeträge schon in der ersten Gruppenphase garantiert. Gewinnt man den Pokal, kommen  schnell 60 (sechzig!) Millionen Euro auf das Konto. Diese krasse Ungleichverteilung der Gelder hat zur Folge, dass Jahr für Jahr weit überwiegend die ewig gleichen Namen in der Champions League anzutreffen sind. Die reichen Vereine werden immer reicher, die Emporkömmlinge werden mit Brosamen ruhig gestellt, und der Rest, zu dem inzwischen auch der HSV zu zählen ist, spielt gegen den Abstieg.

Auch aus rein sportlicher Sicht sind unschwer bemerkenswerte Veränderungen festzustellen. Jeder, der sich heute z.B. die WM-Classics von ’74 bis ’90 anschaut, wird sofort bemerken, wie vergleichsweise  langsam die Spiele waren, wie viel Zeit bspw. ein Netzer hatte, um aus der Tiefe des Raumes nach vorne zu traben. Derart viel Zeit bekommt ein ballführender Spieler heute nicht einmal mehr in den unteren Regionen der zweiten Liga.

Manndeckung, Ausputzer? 1990 wurde Deutschland unter Beckenbauer mit einem 5-3-2-1 Weltmeister. Spielt in dieser Form heute kaum einer mehr. Viererkette? Noch Anfang der Neunziger behaupteten fast alle deutschen Experten, diese Art des Spielens passe einfach nicht zu deutschen Spielern.  Gleich so, als sei im deutschen Fußball-Genom das entsprechende Gen aufgrund des Wirkens höherer Mächte einfach nicht aufzufinden. Kennen wir schon (von den Holländern), können wir aber nicht, wollen wir daher nicht. Haben wir noch nie so gemacht und waren doch häufiger im Finale (als die kleinen Nachbarn). Basta.

Dann kam ein damals junger Trainer, Ralf Rangnick, mit dem SSV Ulm und bewies das Gegenteil. Der „Professor“ muss uns nicht den Fußball erklären! Was bildet der sich ein?!, mokierte sich das Establishment. Heute sind auf Kettenbildung basierende Systeme längst eine Selbstverständlichkeit. Mehrere Trainer experimentieren sogar mit Dreierketten in der Abwehr. Darunter anerkannte, weltweit respektierte Trainer wie Guardiola und Löw. Aber Fink, der dies exakt ein Mal beim HSV versuchte, der hatte natürlich, natürlich absolut gar keine Ahnung, meinten wieder einmal die Experten zu wissen.

Berti Vogts hat früh, Mitte der Neunziger, wiederholt darauf hingewiesen, dass der deutsche Fußball im Begriff sei, den Anschluss zu verlieren. Er forderte bereits damals ein radikales Umdenken in der Nachwuchsausbildung. Aber das war ja auch der von Raab besungene kleine Bööördi. Kein Grund zur Sorge. Am Ende kam es bekanntlich, wie es kommen musste: Die Nationalmannschaft flog bei den großen Turnieren frühzeitig nach Hause. Und auch die deutschen Klubs waren kontinental kaum noch konkurrenzfähig. Da haben es dann sogar, fast möchte ich sarkastisch gratulieren, die erzkonservativen Granden des DFB geschnallt. Aber wie immer, wenn traditionelle Vorgehensweisen in Frage gestellt werden, ging dies nicht ohne Reibung und Widerstand. Klinsmann, der sich aus guten Gründen weitgehende Befugnisse und ein handverlesenes Team zusichern ließ, wollte zusätzlich den klugen Bernhard Peters zum Sportdirektor des DFB machen. Uh, ein Hockey-Trainer, das geht gar nicht!, befand das Establishment und drückte damals Sammer durch. Die Wahrheit aus meiner Sicht: die Weltmeisterschaft 2014 ist ohne die damaligen Visionen des zu Unrecht auf ein paar Buddha-Statuen beim FCB reduzierten Klinsmann undenkbar. Allem Hoeneß zum Trotz.

Nicht nur der HSV verschläft Entwicklungen

Dann kam der BvB. Vom fast insolventen Pleiteklub zum deutschen Meister. Läuferisch der damaligen Konkurrenz überlegen, konnte Trainer Jürgen Klopp die Aufgabe der Balleroberung aus dem Bereich traditioneller Abwehrarbeit nach vorne, weg vom eigenen Tor verschieben. Pressingphasen, wie sie der HSV übrigens  zeitweilig bereits vor Jahrzehnten(!) unter Ernst Happel gespielt hatte, konnten dank verbesserter Laufleistungen der Spieler zeitlich deutlich ausgedehnt werden. Inklusive s.g. Pressingfallen, d.h. man ließ den Gegner ganz bewusst in bestimmte Räume eindringen, um dort den Ball zu erobern und die gegnerische Abwehr möglichst in Unordnung zu überraschen. Dass der HSV diese Entwicklung fast komplett verschlafen hat, das kann inzwischen kaum noch verwundern. Taktisch unter Zebec und Happel noch zur nationalen und sogar kontinentalen Spitze zählend, klammert(e) man sich in Hamburg viel zu lange an die ruhmreiche Vergangenheit. Überraschender schon, dass anfänglich selbst die Bayern den Dortmundern kaum Paroli bieten konnten. Dann aber kamen sie mit Macht. Heynckes modifizierte den Ballbesitz-Fußball van Gaal’scher Prägung und moderierte geschickt die internen Dissonanzen. Eine Transferoffensive, in deren Zuge u.a. Manuel Neuer und für schlappe 40 Millionen Euro Javi Martinez verpflichtet wurden, brachte sie zurück an die absolute Spitze (Tripple-Sieger).

Der HSV fristete derweil sportlich mehr oder minder orientierungslos sein Dasein. Mit beinahe beängstigender Regelmäßigkeit wurden neue Konzepte angekündigt. Neues Personal (Trainer, aber auch Sportdirektoren und Leiter des NLZ) verpflichtet und alsbald wieder zum Teufel gejagt. Rein in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln. Wen wundert es da noch, dass manches Konzept schon bald nicht mehr das Papier wert schien, auf dem es skizziert wurde?! Natürlich waren und sind nie alle Mitarbeiter des HSV unfähig gewesen! Dass man trotz dieses erzkonservativen, da rückwärts gewandten Kurses immer wieder auch erfolgreich Talente entwickeln konnte, beweist dies. Im Grunde können einem jedoch alle Mitarbeiter des Clubs leid tun, die unter derartigen Umständen über Jahre bemüht waren, tatsächliche Spitzenleistung zu ermöglichen. Aus Nabelschau und Vergangenheitsverklärung lässt sich eben nur äußerst schwer zeitgemäße Leistung in einem Hochkonkurrenz-Wettbewerb generieren.

Analyse als unverzichtbare Basis der Leistungsentwicklung

Es kann schon gar nicht mehr verwundern, dass Beiersdorfer zum Amtsantritt Knäbels eingestand, er habe gar nicht gewusst, dass man eine s.g. Weltstandsanalyse machen kann. Wie aber will man heute Talente aus der U15 auf die Anforderungen des Fußballs im Jahr 2022 vorbereiten, wenn man gar nicht weiß, wohin die Reise geht? Wenn ich gar nicht analysiere, was diese Talente in einer sich stetig wandelnden Sportart erwartet? Das funktioniert nicht. Das kann nicht optimal funktionieren! Und wir reden hier über Beiersdorfer, nicht über Herrn Hunke, Ertel  oder Jarchow…

Neue Spieler bringen oft beim HSV nicht die Leistung, die sie zuvor bei ihren Vereinen gebracht haben. Weil sie allesamt charakterschwach und saturiert sind, sobald sie beim HSV gelandet sind? Das mag in Einzelfällen zutreffen, ist aber meines Erachtens keine erschöpfende, schlüssige Erklärung.

Leistung im Sport basiert in meinen Augen auf sachkundiger, unsentimentaler Analyse: Wo stehe ich derzeit? Wodurch lässt sich die Spitze in meinem Sport kennzeichnen?  Wie kann ich eine etwaige Differenz zwischen meinem Ist-Zustand und dem Soll-Zustand in realistische, da zu erreichende Einzelschritte (Etappenziele) zerlegen? Systematisches, konzeptionelles Arbeiten ist gefragt, nicht Versuch und Irrtum. Die nicht funktionierenden Strukturen müssen  erkannt, aufgebrochen und zu einem schlüssigen Gesamtkonzept zusammengefügt werden.

Wer, wie der HSV, seit Jahren und Jahrzehnten den eigenen Ansprüchen hinterher läuft, wer serienweise versagt, wenn es um die Wurst geht, der muss sich an die eigene Nase fassen. Der darf nicht die Schiedsrichter, höhere Mächte (Papierkugel) oder einzelne Spieler zum Sündenbock machen. Das ist nur bequem und zu billig.

Fußball ist, das gilt heute mehr denn je, Teamsport. Wie kann man von einer Mannschaft Spitzenleistung erwarten, bei deren Zusammenstellung mal dieser mal jener seine Finger im Spiel hatte? Wie kann ich von einem, zwei oder drei neuen Spielern Spitzenleistung erwarten, wenn das Team als Ganzes nicht funktioniert? Weil die ja (zu) viel Geld verdienen? Mit Verlaub, da spricht doch nur der Sozialneid.

Der einzelne Spieler ist immer auf den Rest seiner Kollegen angewiesen. Selbst Ausnahmekönner wie Maradona, Christiano Ronaldo oder Messi konnten und können durch sehr gut funktionierende Mannschaften neutralisiert werden, wie die Fußball-Historie belegt.

Und dennoch scheint mir ebenfalls richtig: Zwischen rückwärts gewandtem Traditionalismus nebst inzwischen absurd  erscheinendem, überhöhtem Anspruchsdenken, bestand beim HSV zu lange eine Komfortzone, die mindestens nicht leistungsfördernd wenn nicht gar leistungsfeindlich wirkte. Nur ein Beispiel: Frank Rost hat uns seinerzeit vor dem Abstieg bewahrt? – Der darf den Verein nicht  mehr verlassen, hieß es. Ein reiner Reaktionstorwart mit unterentwickelter Spieleröffnung wurde als angeblich unverzichtbar dargestellt. Konnte doch keiner ahnen, dass Manuel Neuer und eine ganz andere Generation von Torhütern (Zieler, ter Steegen, Trapp, Karius und und und) nachrücken würde. Oder etwa doch? Könnte es sein, dass diese neue Generation mitnichten plötzlich vom Himmel fiel? Würde ich nicht der Expertise von Peter Knäbel vertrauen, ich würde befürchten, dass man gerade im Begriff ist, mit Drobny denselben Fehler (wie mit Rost)  zu wiederholen.

Spieler haben in meinen Augen eine Funktion im Team. Diese sollen sie erfüllen (auch dafür werden sie im Fußball nicht zuletzt ganz anständig bezahlt.). Jedem neuen Spieler muss man eine Zeit der Eingewöhnung von einem halben Jahr zu billigen. Schließlich bleiben sie auch als Profis Menschen und sind keine Roboter. Aber spätesten dann muss ich fortlaufend die Entwicklung des Spielers analysieren. Hat er die Erwartungen erfüllt? Besitzt er weiteres Entwicklungspotenzial? Wenn er die Erwartungen nicht erfüllen konnte, bspw. weil er andauernd mit Muskelverletzungen ausfiel, muss zielgerichtet und lösungsorientiert an dem Problem gearbeitet werden. Um bei diesem Beispiel zu bleiben: Alles muss auf den Prüfstand. Komplette sportmedizinische Analyse, maßgeschneidertes, präventives Training möglich?, Ernährung und Lebenswandel sind zu hinterfragen. Bleibt alles ohne Befund und Wirkung, muss man notfalls den Spieler wieder transferieren. Ende. Das mag für den Spieler hart sein, ist aber Berufsrisiko. Das wissen auch die Spieler. Es gibt keine Garantie für die großen Fleischtöpfe. Allein die Leistung kann den Platz auf Zeit an diesen Töpfen  rechtfertigen. Und Leistung, hier schließt sich der Kreis, muss immer in Relation zu den Konkurrenten bewertet werden. Was heute noch ausreichen mag, kann morgen schon ungenügend erscheinen. Weiter, immer weiter! Nichts ist so alt wie die Erfolge von gestern. Die sind schöne Erinnerungen, helfen aber wenig in der Gegenwart, wie z.B. der BvB gerade erfährt. Das bedeutet aber keineswegs, dass man alles im Falle des Misserfolgs sofort über Bord wirft. Gemeint ist aber wohl: hier gibt es ein Problem, für das in angemessener(!) Zeit eine für das Gesamtkonstrukt passende Lösung gefunden werden muss.

Um zum Ausgangspunkt, den größtenteils überforderten Kapitänen auf der Brücke des HSV zurückzukehren: Ich habe versucht, einige Punkte herauszuarbeiten:

  1. Auch der Fußball verändert sich permanent;
  2. Das jeweilige Establishment reagiert darauf gewöhnlich mindestens mit Skepsis wenn nicht gar unverhohlener Ablehnung;
  3. Eine überprüfbare positive Leistungsentwicklung ist Voraussetzung, um einen Rückstand zu verringern;
  4. Der HSV ist aus diversen Gründen den Erfordernissen des Leistungssports bisher nicht gerecht geworden. Der sportliche Niedergang hat daher hausgemachte Ursachen.

Ich betrachte daher die Veränderungen, die Peters und Knäbel beim HSV vornehmen, als sowohl zwingend notwendig als auch überfällig. Dietmar Beiersdorfer besitzt in meinen Augen in diesem Prozess die durchaus wichtige Aufgabe, all die konservativen Kräfte des Vereins „einzufangen“, die ansonsten, die Art und Weise des Scheiterns von Frank Arnesen beim HSV lässt grüßen, das Ganze früher oder später torpedieren werden. Diese Kräfte sind Klippen, die man nicht ignorieren darf, will man das Schiff am Ende in sichere Gewässer schleppen.

Wenn Peters und/oder Knäbel von „Leitplanken“ sprechen, die einzuziehen seien, wenn von leistungssportgerechten Abläufen und Strukturen die Rede ist, die jetzt, fast dreißig Jahre nach dem letzten Titelgewinn, zu etablieren seien, dann ahnt man, wie inkompetent dieser Verein von seinen bisherigen Kapitänen mehrheitlich geführt wurde. Zugleich ist es ein Armutszeugnis für einen Verein mit diesem Anspruch.

Der große Dampfer HSV liegt unverändert leckgeschlagen auf der Seite. Daran ändert auch die Entscheidung der Mitglieder pro HSVPlus zunächst nichts. Ob die Bergung gelingt, werden erst die nächsten 18 Monate zeigen. Es wird mühsam, so viel scheint sicher. Immerhin verfügt die heutige Besatzung auf der Brücke über das nötige Handwerkszeug. Allein dies erscheint mir für den HSV schon fast revolutionär und gibt Anlass zur leisen Hoffnung. Die Entscheidung für die Ausgliederung bleibt jedoch, ungeachtet gewisser Konstruktions- und Umsetzungsfehler und ungeachtet des Ausgangs der Bergung, richtig. Denn die war zu dem Zeitpunkt längst alternativlos.

Vor dem Spiel gegen den SC Paderborn 07

Jedes Jahr das gleiche Spiel. Je näher das Ende der Transferperiode rückt, desto mehr brodelt die Gerüchteküche. So auch beim HSV.

Jacques Zoua weilt in der Türkei. Angeblich steht die obligatorische sportmedizinische Untersuchung unmittelbar bevor – ein sicheres Indiz für einen bevorstehenden Wechsel. Dem Vernehmen nach soll Zoua für ein Jahr an den türkischen Erstligisten Kayseri Erciyesspor ausgeliehen werden. Ich hielte dies, sofern der Transfer zustandekommt, für eine gute Entscheidung, da Zoua sowohl im Sturmzentrum als auch auf der rechten Außenbahn beim HSV derzeit wohl bestenfalls nur die dritte Wahl wäre.

Ebenfalls vor einer Ausleihe steht dem Vernehmen nach Kerem Demirbay, der sich wohl für eine Jahr dem 1. FC Kaiserslautern anschließen soll. Nach dem Transfer von Valon Behrami und nachdem sich abzuzeichnen scheint, dass weder van der Vaart noch Badelj den Verein verlassen werden, halte ich auch hier eine Ausleihe für absolut sinnvoll. Demirbay konnte zwar bei seinen bisherigen Einsätzen im Trikot der Rothosen durchaus sein Talent andeuten, hat aber verletzungsbedingt im letzten Jahr kaum Spielpraxis sammeln können. Umso wichtiger  erscheint mir für seine Entwicklung, dass er nun endlich regelmäßig spielt. Etwas, was beim HSV angesichts der derzeitigen Konkurrenzsituation im Mittelfeld unwahrscheinlich ist, jedenfalls sofern Badelj, an dem gerüchteweise immer mal wieder andere Vereine Interesse bekundet haben sollen, den HSV nicht doch noch kurzfristig verlässt. Aber selbst im Falle eines Abgangs des Kroaten böte der Kader für Slomka auch ohne Demirbay ausreichend viele Alternativen.

Für den meisten Wirbel sorgt die angedachte einjährige Ausleihe von Jonathan Tah, den sich viele für diese Saison bereits als Stammspieler in der Innenverteidigung der Hamburger gewünscht haben. Ich habe durchaus Verständnis für die Kritik an diesen Gedankenspielen (meines Wissens gibt es bisher jedoch noch kein Angebot für Tah). Die Angst, hier könnte ein großes Talent vergrault werden, muss vor dem Hintergrund des wenig rühmlichen Umgangs des Vereins mit seinen größten Talenten in den letzten Jahren gesehen werden. Nachdem man sich aus unterschiedlichen Gründen bspw. von Sam, Son oder Öztunali getrennt hat, sind die verbreiteten Zweifel an der Nachwucharbeit des Clubs für mich grundsätzlich nachvollziehbar. Gleichwohl gilt, was Beiersdorfer (oder war es Peters?) sagte: Ein Verbleib Tahs in dieser Saison erscheint nur dann sinnvoll, wenn Tah mindestens erster Ersatz für einen der beiden Stammverteidiger in dieser Spielzeit wäre. Mit dem sich zusehends stabilisierenden Djourou, dem neuen Brasilianer Cléber, einem Westermann und einem Kacar im Kader kann man aber daran begründet ernsthaft zweifeln. Vergessen wir nicht, dass Tah bei allem unbestrittenen Talent noch sehr, sehr jung ist. Und dies wäre er mit dann gerade einmal 20 Jahren auch noch  bei seiner Rückkehr. Sollte Tah also die Chance haben, als Stammspieler bei einem anderen Erst- oder ambitionierten Zweitligisten regelmäßig Spielpraxis zu sammeln, dann ist das aus meiner Sicht für seine Entwicklung deutlich besser als noch unterklassiger in der Regionalliga für die U23 aufzulaufen.

Ob Lewis Holtby auf den letzten Drücker doch noch zum HSV kommt – wir werden es abwarten müssen. Sollten nicht doch noch  Badelj oder van der Vaart kurzfristig abgegeben werden und den Etat entlasten, kann ich mir derzeit einen kurzfristigen Transfer Holtbys zum HSV kaum vorstellen. Allein schon aus finanziellen Gründen. Ich vermute aber, dass seine Verpflichtung  evtl. im Winter, spätestens aber im nächsten Sommer angedacht sein könnte. Schon allein mit Blick auf die dann auslaufenden Verträge beim HSV. Denn das ist für mich das Schöne beim HSV nach dem Amtsantritt von Beiersdorfer und Peters: endlich hat man wieder den Eindruck, dass im Club perspektivisch-konzeptionell auch – aber nicht nur! – am Kader gearbeitet wird.

Womit ich bei den diversen Veränderungen im Nachwuchsbereich des Clubs wäre. Im Detail nachzulesen auf HSV.de: http://www.hsv.de/nachwuchs/meldungen/august-2014/neue-ausrichtung-in-der-ausbildung-und-im-campus-bau/

Ich will hier nicht jeden Punkt kommentieren, meine aber, dass auch hier die Entschlossenheit der Verantwortlichen sehr deutlich wird, den zwischenzeitlich leider entstandenen Rückstand zur Konkurrenz zu verringern. Das alte Konzept mag für Trainingskiebitze oder andere Besucher attraktiver gewesen sein. Ich finde aber, dass man bspw. Ticketing, Merchandising oder Gastronomie auch andernorts unterbringen kann.  So gesehen favorisiere ich die neue Planung, da hier noch mehr das Sportliche im Vordergrund steht. Die räumliche Zusammenführung von Profis und dem Nachwuchs, die Einführung eines regelmäßigen, alle zwei Wochen stattfindenden Elite-Trainings mit nach beiden Seiten offener „Drehtür“ für Talente, die Installation von Stefan Wächter als leitender Torwarttrainer im Nachwuchs, Schünemanns im Athletikbereich, die Einbindung Cardosos als Techniktrainer für Offensivspieler, oder die Rückkehr Patrick Rahmens jetzt als Cheftrainer des gesamten Nachwuchsleistungsbereichs, das hat in meinen Augen Hand und Fuß. Zum einen wird die angestrebte,  alle Altersstufen übergreifende, einheitliche Spiel-Philosophie nun sowohl durch die Struktur als auch das übergeordnet verantwortliche Personal gestützt und vorangetrieben. Zum anderen glaube ich, dass es sowohl aus Gründen der Motivation als auch der Identifikation mit dem Club wichtig ist, wenn der Nachwuchs möglichst nah am Profibereich dran ist. Hier gilt als Grundsatz: Fordern und fördern. Und dazu gehört für mich auch, dass die Talente die oft zitierte Durchlässigkeit unmittelbar erleben können. Getreu dem Motto: Wer besonders positiv auffällt, der wird eben auch durch besondere Maßnahmen, z.B durch den Zugang zur zwölfköpfigen Elite-Trainingsgruppe, belohnt. Allerdings wird es mehrere Jahre dauern, Bernhard Peters sprach in diesem Zusammenhang von drei bis vier, bis sich diese Neuausrichtung hoffentlich auszuzahlen beginnt.

Nach dem ordentlichen  Auftakt auswärts gegen Köln folgt nun am morgigen Samstag die Heimpremiere für den HSV gegen den zweiten Aufsteiger, den SC Paderborn. Erfreulich finde ich, dass das Stadion trotz der absolut enttäuschenden  letzten Saison vermutlich annähernd ausverkauft sein wird. Und das gegen den vermutlich größten Außenseiter der diesjährigen Spielzeit. Gespannt bin ich zunächst, ob und wie sich der Rückzug der CFHH auf die Stimmung im Stadion auswirken wird. Ehrlich gesagt, ich mache mir da allerdings wenig Sorgen, denn so sehr ich die Arbeit der Ultras beim basteln ihrer oft wirklich sehenswerten Choreos grundsätzlich respektiere – ich habe diesen nervtötenden Dauersingsang nie gemocht. Ich bekenne mich klar zur situativen, spielbezogenen Anfeuerung, welche die Mannschaft gerade dann gezielt lautstark unterstützt, wenn sie dies offensichtlich gerade besonders benötigt. Zudem sehe ich es grundsätzlich mit Argwohn, wenn Menschen blindlings nachbrüllen, was ein s.g. „Capo“ vorgibt. Auch gehe ich schon viel zu lange zum Fußball, habe Höhen und noch viel mehr Tiefen mit dem HSV durchlebt, um von einem Teen oder Twen irgendwelche Vorgaben oder gar Belehrungen als Fan zu benötigen. Das bemüht elitäre Selbstverständnis der Ultras war und wird mir immer fremd bleiben. Gleiches gilt für mich im Übrigen für jene Eventfans, die bei Häppchen und Drinks das Spiel in ihren Logen nur als Beilage konsumieren. Beides ist nicht mein Ding.

Was André Breitenreiter aus dem kleinen Provinzverein Paderborn gemacht hat, verdient höchsten Respekt. Ich habe die Mannschaft in der letzten Saison u.a. gegen den FC St.Pauli gesehen und war beeindruckt. Aber die erste Liga ist ein ganz anderer Schnack. Ähnlich wie Braunschweig in der letzten Spielzeit dürfte der SC heuer als mutmaßlich erster Anwärter auf den Abstieg gelten. Letztlich, man mag das beklagen oder nüchtern akzeptieren, entwickelt sich die Bundesliga ähnlich wie schon die Championsleague zu einer mehr oder minder geschlossenen Gesellschaft mit klar verteilten Rollen. Ein Aufsteiger mit einem Minietat von 15 Millionen „darf“ da mal hineinschnuppern – auf lange Sicht ist er niemals wettbewerbsfähig. Geld schießt oder verhindert zwar unmittelbar keine Tore, doch es erhöht deutlich die Wahrscheinlichkeit auf einen erfolgreichen Saisonverlauf. Allerdings, auch das ist ein Teil der Wahrheit, die man gerade als Hamburger in der letzten Saison bemerken konnte, bietet (relativ) mehr Geld keine Garantie auf Erfolg. Entscheidend bleibt, wie man mit seine Ressourcen umgeht (Womit in gewisser Weise auch der Bogen zu den oben angesprochenen strukturellen und personellen Veränderungen beim HSV geschlagen wäre.). Ich erwarte, dass die Paderborner, wie schon vor ihnen die Braunschweiger, für die eine oder andere Überraschung sorgen werden. Dennoch wäre alles andere als der direkte Abstieg eine tatsächliche Sensation.

Breitenreiter lässt seinen SC in einem 4-4-2, bzw. 4-4-1-1 antreten. Ähnlich wie van der Vaart beim HSV spielt der bewegliche Kachunga mal leicht hinter, mal auf gleicher Höhe mit der einzigen klaren Spitze. Nach dem Ausfall von Saglik, der mich in seiner Zeit beim FC St. Pauli selten überzeugen konnte, dürfte ganz vorne erneut der lange Stefan Kutschke (1,94m) auflaufen.

Überhaupt handelt es sich beim SC Paderborn 07, wen wundert es bei dem geringen Etat?, um eine Mannschaft der Namenlosen. Ganz offensichtlich konnten die Ostwestfalen der Versuchung widerstehen und waren bemüht, ihre Mannschaft sinnvoll und im Rahmen ihrer finanziellen Möglichkeiten angemessen zu verstärken. Die größte Stärke und vermutlich auch einzige Chance der Truppe im Hinblick auf einen Klassenerhalt dürfte vermutlich in der mannschaftlichen Geschlossenheit zu sehen sein. Als absoluter Underdog hat sie im Grunde nichts zu verlieren, sondern kann gegen jeden Gegner unbelastet auftreten. Spannend wird, ob Verein und Mannschaft ebenso wie die Braunschweiger zuvor die Ruhe bewahren, wenn sich Niederlage an Niederlage reihen sollte. Zum Auftakt erkämpfte man im heimischen Stadion immerhin mit dem 2:2 eine respektable Punkteteilung gegen Mainz, wobei die Mainzer erst in allerletzter Minute durch einen Foulelfmeter ausgleichen konnten. Auch wenn für mich gar kein Zweifel besteht, dass der HSV auf dem Papier den eindeutig besseren Kader als die Gäste besitzt – der HSV sollte gewarnt sein. Gerade für den HSV besteht kein Anlass zu Hochmut. Im Gegenteil! Für den HSV geht es bis auf Weiteres auch darum, verlorengegangenes Vertrauen bei seinen Anhängern zurückzugewinnen. Wer also glaubt, dass man die Paderborner quasi im Vorbeigehen aus dem Stadion fegen wird, der könnte eine böse Überraschung erleben. Psychologisch betrachtet sehe ich den HSV gar im Nachteil, da man gegen den krassen Außenseiter zu Hause wenig zu gewinnen, aber viel (Kredit) zu verlieren hat.

Nachdem man gegen Köln zu null spielen konnte, gehe ich davon aus, dass Slomka derselben Startelf wie gegen Köln vertrauen wird. Hoffen wir also auf ein erfolgreiches erstes Heimspiel und feuern die Mannschaft an!