Jiracek

Eine zu erwartende Niederlage des HSV, die zu neuen und alten Erkenntnissen führt.

Das musste ja so kommen. Kaum zeigt die Mannschaft des HSV in Berlin unter Zinnbauer zum ersten Mal eine tatsächlich schwache Leistung, schon wird vieles, was gestern noch mehrheitlich positiv notiert wurde, in Frage gestellt.

Zur sportlichen Lage und seinen Einflussmöglichkeiten als Trainer befragt, rechnete Zinnbauer neulich auf einer PK vor, dass er grundsätzlich in jeder Trainingswoche an zwei Tagen kaum inhaltlich didaktisch mit seiner Mannschaft arbeiten kann, da dann regenerative (Auslaufen) oder motivationale (Abschlusstraining) Aspekte im Vordergrund stünden. Dazu gesellte sich die Länderspielpause mit der zwangsläufigen Abwesenheit von Stammpersonal (Djourou, Behrami), oder eben eine englische Woche wie diese, in der es im Pokal gegen die Bayern ging. Wenn man dazu noch berücksichtigt, dass der Großteil der Mannschaft die Saisonvorbereitung noch unter seinem Vorgänger, Mirko Slomka, absolvierte und zudem beachtet, dass wichtige Spieler erst nach Saisonbeginn (Holtby) oder aber verletzt verpflichtet wurden (Müller), bzw. wochenlang verletzt ausfielen (Lasogga, van der Vaart), dann erklären sich für mich zum Teil die bisher schwankenden Leistungen der Mannschaft.

Wer aus einem einzigen, unbestreitbar schwachen Spiel des HSV gegen Hertha ableiten will, dies sei eben typisch für die Selbstzufriedenheit der HSV-Profis, der verirrt sich in meinen Augen im metaphysischen Humbug. Zinnbauer steht tatsächlich vor der Aufgabe, eine Vielzahl neuer Spieler  im laufenden Betrieb in eine Mannschaft zu integrieren, der die desaströse vorherige Saison unverändert in Köpfen und Gliedern steckt.

Zu einem Problem für Zinnbauer entwickelt sich aus meiner Sicht van der Vaart. Einerseits, da bin ich ganz beim Trainer, kann ein fitter van der Vaart immer noch ganz wichtig für diese Mannschaft sein. Andererseits, dies fiel mir nicht erst beim Gastspiel in Berlin auf, wirkt die Mannschaft mit ihm derzeit deutlich weniger kompakt und griffig in den Zweikämpfen. Lasogga und er laufen zwar die gegnerischen Torhüter oder Innenverteidiger an, jedoch wirkt es, als wolle man sich allein auf die Lenkung des gegnerischen Spielaufbaus beschränken. Ein kollektives, entschlossenes Gegenpressing, wie es der HSV ohne van der Vaart beispielsweise auswärts beim überraschenden Sieg gegen den BvB bereits zeigte, findet dann kaum noch statt. Wenn man aber offensiv-dominant zu spielen versucht, wenn man so hoch aufrückt, wie es der HSV gegen Hoffenheim und auch gegen die Hertha praktizierte, dann muss man m.E. entweder konsequent geschlossen bei Ballverlust ins Gegenpressing gehen, oder man muss läuferisch in der Lage sein, mehrheitlich schnell genug hinter den Ball zu kommen. Beides scheint mir mit einem van der Vaart in der zuletzt gezeigten Verfassung nicht zu funktionieren.

Um nicht missverstanden zu werden: es geht mir hier nicht darum, van der Vaart als Sündenbock auszugucken, denn der war bekanntlich verletzt. Es geht mir vielmehr um die Frage, wie mit dieser Personalie zu verfahren ist, solange van der Vaart nur dem Namen nach als eine Verstärkung erscheint. Um darauf eine klare Antwort zu liefern: ich, der ich das zum Glück nicht entscheiden muss!, würde ihn derzeit nicht mehr von Anfang an bringen. Ich würde es lieber sehen, wenn Zinnbauer ihn über Kurzeinsätze an die Mannschaft wieder heranführen würde.

Aus meiner Sicht war die Aufgabenstellung für das gestrige Pokalspiel gegen den Rivalen aus dem Süden klar: sich mit Anstand aus der Affäre ziehen, um nicht mit der Hypothek einer desaströsen Niederlage vor eigenem Publikum in die nächsten, gewiss nicht einfachen Wochen gehen zu können. Denn erst die nächsten Wochen werden aus meiner Sicht unzweifelhaft zeigen, ob es sich bei dem Auftritt gegen die Hertha um einen negativen Ausrutscher handelte, bzw. ob notfalls im Winter personell nachgerüstet werden muss.

Der Wettbewerb um den DFB-Pokal bezieht seinen Reiz auch aus dem Aufeinandertreffen von Favoriten und Außenseitern. Da bekanntlich ein einziges Spiel entscheidet, kommt es dabei immer wieder zu Überraschungen. Dennoch hoffte ich vor dem Spiel, dass Zinnbauer dem angeschlagenen Behrami eine Pause gönnen würde, auch wenn sich dadurch das ohnehin ungleiche Kräfteverhältnis unzweifelhaft noch weiter zugunsten der Bayern verschieben sollte. Der Schweizer erscheint mir schon jetzt derart unverzichtbar, dass ich ungern das Risiko eines längeren Ausfalls für die Liga in Kauf genommen hätte.  Am Ende bleibt die Bundesliga das Kerngeschäft.

Zinnbauer verzichtete tatsächlich gänzlich auf Behrami und vertraute zu Spielbeginn der folgenden Aufstellung:
Drobny – Götz, Djourou (69. van der Vaart), Westermann, Ostrzolek – Arslan (61. Kacar), Jiracek (18. Steinmann), N.Müller, Holtby, Stieber – Lasogga

Das Spiel:  Gelegentlich habe ich beim Betrachten der Spiele des HSV das Gefühl, ich sei im falschen Film. Wenn der Gegner nicht die Tore schießt, dann sorgt man selbst durch krasse individuelle Fehler dafür, dass man in Rückstand gerät. Die ohnehin auf dem Papier geschwächte Hamburger Elf (ohne Behrami und mit dem unerfahrenen Götz für Diekmeier) begann das Spiel sowohl läuferisch als auch kämpferisch durchaus engagiert, doch leider wurde die ohnehin kleine Chance auf ein Weiterkommen bereits in der 7. Spielminute praktisch zerstört. Die Bayern spielten einen Ball entlang der rechten Außenlinie. Westermann trabte zunächst gemächlich dem Ball Richtung Eckfahne hinterher, bis er plötzlich bemerkte, dass Thomas Müller ebenfalls dem Spielgerät hinterhersetzte. Unerwartet von Müller unter Druck gesetzt, wollte Westermann zu Drobny passen, traf aber den Ball derart schlecht, dass er zur unfreiwilligen Vorlage für Müller mutierte. Müller passte zu Lewandowski, dessen ersten Torschuss Djourou noch mit letztem Einsatz auf der Linie klären konnte. Gegen den Nachschuss des polnischen Ausnahmestürmers war dann aber keine Rettungstat mehr möglich. Derart früh 0:1 hinten gegen die Bayern mit einer Mannschaft, deren größtes Schwäche bislang in der mangelnden Durchschlagskraft im Offensivspiel zu sehen ist – es ist zum Haare raufen!

In der 18. Minute musste Zinnbauer dann auch noch den durchaus erfahrenen, jedoch kurz zuvor verletzten Behrami-Ersatz, Jiracek, vom Feld nehmen (Gute Besserung!), den ich gerne einmal länger im defensiven Mittelfeld gesehen hätte. Bemerkenswerterweise wählte Zinnbauer als Ersatz des Ersatzes nicht die vermeintlich sicherere Option Kacar, sondern warf mit Steinmann einen weiteren Nachwuchsspieler ins eiskalte Wasser gegen den Branchenprimus. Um dies vorwegzunehmen: Steinmann lieferte wie Götz eine respektable Leistung. Beide benötigen jedoch verständlicherweise weitere Wettkampferfahrung, um sich an das ungleich höhere Niveau anzupassen. Da auch in Bestbesetzung alles andere als ein Ausscheiden gegen die Bayern eine faustdicke Überraschung gewesen wäre, fand ich es gut, dass sich Zinnbauer für diese mutige Lösung entschied. Training bleibt Training, egal wie wettkampfnah es gestaltet wird. Insofern glaube ich, dass beide Spieler gestern wichtige Erfahrungen sammeln konnten, die sich hoffentlich bei ihrer weiteren Entwicklung auszahlen werden.

In der 21. Minute passte Lewandowski vermeintlich direkt auf Thomas Müller, der dann keine Mühe hatte, den Ball im Tor des HSV unterzubringen. Zum Glück für die Hamburger funktionierte hier die Zusammenarbeit im Schiedsrichtergespann. Denn der Ball war, was im ersten Moment durchaus schwer zu erkennen war, zuvor noch einmal durch Alaba berührt worden, was dann zur Abseitsstellung Müllers führte. Der Treffer fand daher richtigerweise keine Anerkennung.

Die Bayern dominierten wie erwartet das Spiel. Der HSV bot  jedoch m.E. ohne van der Vaart (s.o.) läuferisch, kämpferisch und taktisch eine grundsätzlich ordentliche Leistung, die Mehmet Scholl später in der Halbzeitanalyse der ARD zurecht lobte. Dies belegt auch die Tatsache, dass Drobny erst in der 43. Minute die nächste Großchance vereiteln musste, einen Schuss von Lahm aus kürzester Distanz.

Leider war die ansonsten großartig spielenden Nummer eins im Tor des HSV nur eine Minute später nicht ganz schuldlos am vorentscheidenden 0:2. Der flatternde Fernschuss Alabas aus 25 Metern erschien mir nicht gänzlich unhaltbar (44.).

In den ersten Minuten nach der Halbzeitpause entwickelte sich ein ähnliches Spiel. Die Bayern waren weiter eindeutig spielbestimmend, der HSV ließ aber weniger zu, als ich befürchtet hatte. Dass für den HSV nach vorne wenig ging, fand ich angesichts der Ausgangskonstellation nicht überraschend. So dauerte es bis zur 55. Minute, in welcher Ribery einmal mehr von der linken Außenbahn in Höhe Strafraumgrenze nach innen zog. Sein Torschuss wurde unglücklicherweise von Djourou abgefälscht, sodass Drobny keine Abwehrchance blieb. Mit dem 0:3 war das Spiel endgültig entschieden.

Bayern-Trainer Guardiola nutzte nun den Spielstand, um Leistungsträger zu schonen, bzw. Spielern wie Hjöbjerg und Rode noch zu einigen Einsatzminuten zu verhelfen. Auch Zinnbauer wechselte mit Blick auf die in der Liga wartenden, schweren Aufgaben. So kam Kacar zunächst für Arslan als zweiter Sechser neben Steinmann. Später rückte Kacar in die Innenverteidigung neben Westermann, denn Zinnbauer brachte van der Vaart ins Spiel, was zur Folge hatte, dass Holtby von der zentral offensiven Position  nach hinten, neben Steinmann rückte.

Die Wechsel waren meiner Meinung nach aus Sicht beider Trainer vollkommen nachvollziehbar. Eine grundlegende Wende war nicht mehr zu erwarten. Zinnbauer konnte sich so einen Eindruck von Kacar unter Wettkampfbedingungen auf gleich zwei Positionen verschaffen. Und zu van der Vaart habe ich ja bereits weiter oben Stellung genommen.

Warum man auf den Niederländer keineswegs vollkommen verzichten kann, zeigte er kurz vor Schluss der Partie. In der 86. Minute erlief er zunächst einen Ball rechts  im Strafraum der Bayern, den er dann wunderbar genau und gefühlvoll an den langen Pfosten lupfte, wo Lasogga dann nur noch zum 1:3 einnicken musste.

Nicht verschweigen will ich, dass sich den Gästen aus Bayern nach dem 0:3 zahlreiche Großchancen boten (58. T. Müller; 73. Ribery; 88. Ribery ; 91. T. Müller), die Drobny großartig vereitelte.

Schiedsrichter: Fritz (Korb). Sehr gute Kommunikation innerhalb des Gespanns, die in der 21. Minute erst die korrekte Entscheidung auf abseits beim vermeintlichen 0:2 durch Müller ermöglichte.

Fazit: Der HSV unterliegt dem FC Bayern mit 1:3 (0:2). Der Endstand ist nach dem Spielverlauf zwar als ein schmeichelhaftes Resultat für den HSV zu bewerten, dies finde ich jedoch nicht beunruhigend. Der FCB kann und darf derzeit nicht der Maßstab für den HSV sein.

Erfreulich finde ich die Reaktion der Mannschaft auf die größtenteils schwache Leistung gegen Hertha. Dass man sich dem übermächtigen Gegner keineswegs kampflos ergeben wollte, war durchaus zu erkennen.

Aus meiner Sicht hat Zinnbauer alles richtig gemacht. Im Hinblick auf die kommenden, ungleich wichtiger erscheinenden Liga-Spiele dürfte Behrami zurückkehren. Ob auf der linken offensiven Außenbahn Stieber oder Jansen aufläuft, dies dürfte nicht nur von Trainingseindrücken, sondern auch von der Frage der jeweiligen Gegenspieler abhängen. Auch die Rückkehr Diekmeiers ist zu erwarten und wird von mir als Verstärkung bewertet. Das ist aber nicht als Vorwurf gegen Götz gemeint. Beide Talente, Götz und Steinmann, haben sich für weitere Bewährungsproben empfehlen können, aber man sollte sie m.E. weiterhin behutsam aufbauen.

Sorgen bereitet unverändert die mangelnde Durchschlagskraft im Offensivspiel. Warum Rudnevs derzeit gar keine Rolle mehr spielt, vermag ich aus der Distanz nicht zu beurteilen. Ich würde mich nicht wundern, wenn die sportliche Leitung in der Wintertransferperiode nachzubessern versucht. Vergessen sollten wir jedoch nicht, dass zur Rückrunde hoffentlich mit Maxi Beister ein weiterer, schneller und beweglicher Offensivspieler zurückkehrt, der seine Torgefährlichkeit bereits nachgewiesen hat.

Der HSV macht einen Schritt in die richtige Richtung, unterliegt jedoch dennoch Eintracht Frankfurt mit 1:2 (0:1)

Ausgehend von meinen bisherigen Beobachtungen zu den taktischen Veränderungen beim HSV unter Zinnbauers Leitung, die bisher überwiegend das defensive Spiel der Mannschaft betrafen, interessierte mich vor dem Spiel gegen die Eintracht aus Frankfurt zweierlei:

1.) konnte das Defensivverhalten weiter stabilisiert werden?
2.) verbessert sich das Angriffsspiel, ohne dass dies zu Lasten der Abwehrarbeit geht?

Unmittelbar vor dem Spiel überraschte mich die Nachricht, dass der Trainer des HSV die Abwehr umstellen würde. Ich hatte damit ehrlich gesagt nicht gerechnet. Zinnbauer vertraute also der folgenden Aufstellung:

Drobny – Westermann, Djourou, Cléber, Ostrzolek – Behrami, Arslan (86. Rudnevs), N.Müller (90. Diekmeier), Holtby (86. Jiracek), Stieber – Lasogga

Cléber spielte ergo als linker Innenverteidiger und Partner für Djourou, und Westermann ersetzte Diekmeier auf der defensiven rechten Außenbahn. Zinnbauer sagte nach dem Spiel dazu, dass die Analyse ergeben habe, dass der HSV bei Zweikämpfen in der Luft etwas unterlegen gewesen sei, was man durch die Hereinnahme Clébers korrigieren wollte.

Spiel: Der HSV begann erneut offensiv und übernahm wie schon gegen Gladbach zunächst die Spielgestaltung. Frankfurt zog sich relativ weit zurück. Für mich etwas überraschend verzichtete man darauf, die neu formierte HSV-Abwehr im Spielaufbau früh zu pressen, wie es die Gegner in der jüngeren Vergangenheit meist getan hatten. Stattdessen positionierten sich alle Spieler der Gäste hinter dem Ball in der eigenen Hälfte. Selbst im Mittelfeld presste man nur ganz gelegentlich. Offenbar hatte Schaaf, um die Probleme des HSV im letzten, dem Angriffsdrittel wissend, die Parole ausgegeben, mögliche Passwege des Gegners vor dem Strafraum konsequent zu blockieren. So verteidigten die Gäste meist eher passiv und erweiterten ihre defensive Viererkette im Bedarfsfall zu einer Fünfer- oder gelegentlich sogar Sechserkette. Die verbleibenden Spieler sicherten vornehmlich den zentralen Raum davor und sollten offenbar aus der eigenen Hälfte im Gegenzug etwaige Konter starten. So verfingen sich die Angriffe der Hausherrn meist in der engmaschigen Verteidigung der Gäste im zentralen Raum vor dem Strafraum, oder das Angriffsspiel der Hamburger wurde durch die taktische Ausrichtung der Gäste auf die Flügel abgeleitet. Leider, auch dies stelle ich inzwischen zum wiederholten Male fest, fehlt es dem HSV bei Flanken und Standards unverändert an der notwendigen Präzision.

Cléber war m.E. mindestens während der ersten Halbzeit eine gewisse Nervosität anzumerken. Dies sah man u.a. zu Beginn der Partie, als ihm in unbedrängter Position ein Zuspiel auf Djourou vollkommen verunglückte. Allerdings zeigte Cléber, wie von Zinnbauer erhofft, seine Stärke bei Kopfbällen. So hatte er nach einem Eckstoß für den HSV mit seinem nachfolgenden Kopfball etwas Pech, da dieser leider zu mittig auf das Tor kam und dort mühelos von der neuen Frankfurter Nummer eins, Felix Wiedwald, gehalten werden konnte.

Der HSV hatte während der ersten Spielhälfte ein deutliches optisches Übergewicht, ohne dass daraus tatsächliche Torchancen  resultierten.  Für mich einmal mehr negativ auffällig war hier Tolgay Arslan, der sich wiederholt in Dribblings verzettelte, die meist prompt zum Ballverlust führten. Auch gelungene Pässe in die Schnittstellen der Frankfurter Abwehr suchte man bei ihm einmal mehr vergeblich. Womit ich bei einer Ursache für die bisherige Erfolglosigkeit der Mannschaft vor dem Tor wäre. Arslan ist sicher nicht dafür allein verantwortlich, aber es muss doch verstärkt kritisch festgestellt werden, dass er es in der letzten Saison (2013/14) bei 32 Einsätzen auf nur ein einziges Tor und, dies wiegt m.E. fast noch schwerer, auf nur drei Assists brachte. So gut er mir auch schon des Öfteren vor allem in der Rückwärtsbewegung gefallen hat – dass der Mann nach vorne kaum etwas tatsächlich Produktives bewegt, darauf deuten auch diese ernüchternden Zahlen. Es ist sicher etwas unfair, ihn mit Holtby zu vergleichen, schon allein weil dieser positionsbedingt weiter vorne spielt, aber Holtby hat allein in der zweiten Spielhälfte mehr erfolgreiche, offensive Schnittstellenpässe gespielt, als m.E. Arslan in allen bisherigen Spielen dieser Saison zusammengerechnet. Ich ziehe daraus den Schluss, dass Arslan, sollte er sich nicht bald ganz gewaltig steigern, in dem Moment aus der Mannschaft raus ist, in dem van der Vaart wieder auflaufen kann, da dann Holtby seinen Platz neben Behrami einnehmen dürfte.

In der 44. Spielminute verlor Westermann den Ball in der Vorwärtsbewegung. Der folgende Diagonalball der Frankfurter erreichte Chandler auf der rechten Außenbahn. Stieber, der Richtung Mitte eingerückt war, da sich das Spielgeschehen ja ursprünglich auf dem anderen Flügel abspielte, stand im Halbfeld und reagierte für meinen Geschmack etwas spät. So erhielt er keinen Zugriff auf Chandler, der sofort mit Tempo auf der Außenbahn nach vorne stürmte. Beide Sechser konnten in diesem Augenblick positionsbedingt nicht helfen.  Linksverteidiger Ostrzolek stand m.E. viel zu weit weg (von Stieber) und wich immer weiter zurück, statt den heranstürmenden Chandler zu stellen. Im Ergebnis wurde daher absolut kein Druck auf Chandler ausgeübt. Dieser passte den Ball scharf quer zur Torlinie. Cléber trat in der Laufbewegung über den Ball. Dieser erreichte Seferovic, der am langen Pfosten lauerte und sofort gegen die Laufrichtung von Djourou und Drobny abschloss.  Es passte zum unglücklichen Auftritt Clébers, dass er den Torschuss um ein Haar auf der Torlinie noch geklärt hätte, letztlich aber dem Ball nicht mehr die entscheidende Richtungsänderung geben konnte. Meiner Meinung nach trifft Cléber hier sicherlich eine Teilschuld am Gegentor, allein verantwortlich ist er aber keinesfalls. Vielmehr hat man es hier mit einer ganzen Kette von Fehlern zu tun. Meiner Meinung nach hat hier auch die gesamte Raumaufteilung nicht gestimmt. Sei es, wie es sei – der HSV lag einmal mehr mit 0:1 zurück.

Beinahe wäre der Mannschaft noch innerhalb der ersten Halbzeit der Ausgleich gelungen. Aber Behrami setzte in der Nachspielzeit (45+1.) nach schöner Flanke vom linken Flügel einen fulminanten Kopfball knapp neben das Frankfurter Gehäuse. Es blieb also bei der Führung der Gäste zur Pause.

Um es vorwegzunehmen: Mein „Man of the Match“ war Holtby, der vor allem in der zweiten Halbzeit stark spielte. Die 53. Minute sah einen bemerkenswert guten Pass Westermanns in die Schnittstelle zwischen Innenverteidigung und Linksverteidiger der Frankfurter. Leider wurde der dadurch frei gespielte Holtby etwas zu weit durch den aus seinem Tor herausstürmenden Wiedwald nach rechts abgedrängt, sodass sein Torschuss aus spitzem Winkel letztlich nur das Seitennetz des Tores traf.

In der 58. Minute konnte man dann Holtbys Handlungsschnelligkeit, gute Technik und sein Spielverständnis beobachten. Einen halbhohen Ball vor dem Frankfurter Strafraum passte er sofort durch die Schnittstelle der Gäste-Abwehr zu Nicolai Müller. Dem war es schließlich vorbehalten, die Torflaute des HSV zu beenden. Mit etwas Glück rutschte sein Schuss unter Wiedwald hindurch zum 1:1 ins Netz.

Wiedwald, der erstmalig den verletzten Trapp im Tor vertrat, wirkte auf mich keineswegs immer sicher. Dies konnte man auch in der 76. Minute beobachten, als Anderson und er nach dem in Fußballerkreisen durchaus bekannten Motto verfuhren: Nimm Du ihn, ich hab ihn sicher…! Als Folge dieser Uneinigkeit kam der offensiv pressende Lasogga an den Ball. Leider war dessen Schuss mit der Pike zu harmlos, sodass ihn der junge Frankfurter Torhüter dann letztlich doch mühelos entschärfen konnte.

In der Schlussphase der Partie wechselte Zinnbauer gleich drei Mal. Jiracek führte sich zunächst durch eine großartige Grätsche ein, als er einen stürmenden Frankfurter gerade noch entscheidend behinderte. Leider unterlief ihm dann kurz darauf in der Schlussminute ein hartes und auch unnötiges Foul, als er dreißig Meter vor dem eigenen Tor mit gestrecktem Bein in einen Frankfurter Spieler rutschte. Den folgenden Freistoß aus leicht nach links versetzter Position jagte der eingewechselte Piazon ins rechte obere Eck des Hamburger Tores, also ins Dreiangel der s.g. Torwartseite. Man muss hier zu Drobnys Gunsten die inzwischen für den Torwart grundsätzlich schwer zu berechnenden Flugkurven moderner Bälle berücksichtigen. Gänzlich unhaltbar schien mir dieser zweifellos wunderschöne Treffer (90.), der zugleich den Sieg für die Gäste bedeutete, jedoch nicht zu sein.

Schiedsrichter: Florian Meyer (Burgdorf). Einige „enge“ Entscheidungen könnte man auch anders treffen. War aber gewiss nicht schuld an der Niederlage.

Fazit: Der HSV verliert diese Partie gegen keineswegs unschlagbare Frankfurter schon allein aufgrund des späten Siegtreffers unglücklich.

Gegen Gladbach am Mittwoch gaben die Hamburger 14 Torschüsse ab, verfehlten jedoch ganze 13 mal das Gehäuse. Mit anderen Worten: Gladbachs Torwart Sommer musste am Mittwoch nur einen einzigen Schuss tatsächlich parieren. Die meisten Torschussversuche dieser vorangegangenen Partie wurden zudem außerhalb des Strafraums abgegeben, was statistisch betrachtet die Wahrscheinlichkeit eines daraus resultierenden Treffers signifikant senkt. Mit anderen Worten: Gegen Gladbach war es dem HSV fast gar nicht gelungen, in den Strafraum des Gegners einzudringen, um dort zu klaren Torchancen zu kommen.

Gegen die Frankfurter Eintracht erschien mir das Offensivspiel vor allem während der zweiten Spielhälfte deutlich verbessert. Wenn man das vom HSV erzielte Tor  einrechnet, wurden erneut 14 Torschüsse abgegeben, von denen immerhin sechs tatsächlich auf das Tor gingen (fünf gehaltene Schüsse). Auch gelang es deutlich häufiger innerhalb des Strafraums zum Abschluss zu kommen, was auf eine bessere Qualität der eigenen Torchancen hindeutet. Dies ist natürlich absolut kein Beweis für ein konstant verbessertes Offensivspiel der Hamburger, jedoch eine interessante Momentaufnahme.

Die Hamburger Mannschaft  muss sich jedoch erneut vorwerfen lassen, dass sie vor allem in der ersten Spielhälfte viel zu selten konkret und präzise spielte, sodass aus rein optischer Überlegenheit nichts Zählbares resultierte. Im Gegenteil! Durch eine ganze Fehlerkette geriet man sogar in Rückstand.

Unverändert, aber das erscheint mir zum jetzigen Zeitpunkt noch normal und nicht vorzuwerfen, sind auch Abstimmungsprobleme bei Pass- und Laufwegen zu beobachten. Bis hier die Fehlerquote deutlich gesenkt werden kann, dies benötigt schlicht Zeit. Wer glaubt, dies ginge quasi auf Knopfdruck und über Nacht, der irrt. Schwer.

Erfreulich erscheint mir, dass sich die Form der beiden noch mit konditionellen Rückständen behafteten Spieler, Müller und Lasogga, stetig zu verbessern scheint,  auch wenn hier weiter Luft nach oben verbleibt. Auch Stieber und Ostrzolek harmonieren zunehmend besser und zeigten ansteigende Form. Holtby war  sehr präsent. Im Zusammenspiel mit einem van der Vaart könnte da nach dessen Rückkehr etwas entstehen.

Insgesamt meine ich, dass der HSV, so seltsam sich das nach dieser erneuten Niederlage für den einen oder anderen lesen mag, leistungsmäßig einen weiteren Schritt in die richtige Richtung gemacht hat. Daher kann ich jener medialen Berichterstattung, die schon von einem Verpuffen des Trainerwechsels wissen will, rein gar nichts abgewinnen. Rein tabellarisch, bzw. wenn man allein aufgrund von Ergebnissen urteilt, mag dies stimmen. Doch eine Analyse, die auch nur ansatzweise diese Bezeichnung verdient, benötigt dann doch etwas mehr, als die Fähigkeit, die Tabelle und die Spiel-Ergebnisse lesen zu können.

Ein Kompliment an das Hamburger Publikum: Die Mannschaft wurde allen diesbezüglichen Zweifeln zum Trotz lautstark unterstützt. Dass man trotz der Niederlage nach dem Schlusspfiff der Mannschaft sogar Beifall zollte, bestärkt mich in der Hoffnung, dass man wenigstens mittelfristig auch weiterhin Geduld haben wird.