Drobny

Auf den Freudenrausch folgt die Katerstimmung. HSV – 1. FC Köln 0:2 (0:0)

Ach, es hätte ja auch zu schön werden können! Erst holt man den Publikumsliebling Olic zurück, dann gelingt ein Auftaktsieg gegen den 1. FC Köln. Resultat: Friede, Freude, Eierkuchen. Tja, hätte, hätte, Fahrradkette. Stattdessen dominiert nun das Gefühl maßloser Enttäuschung, und die üblichen Verdächtigen rund um den HSV üben sich in dem, was sie ohnehin am besten zu können scheinen: Sündenböcke finden. Je nach Gusto ist Trainer Zinnbauer an der Niederlage schuld, da er angeblich völlig falsch gewechselt hat, der Sportdirektor, weil er in der Winterpause keine „Granaten“ an Land gezogen hat, Dietmar Beiersdorfer, weil er die Verantwortung für das große Ganze trägt, oder man wünscht diversen Spielern mit sofortiger Wirkung den Eintritt in den vorzeitigen Ruhestand.

Ich gebe zu, auch ich habe mich auf das Spiel gegen den  FC gefreut, allerdings wich meine Vorfreude zunehmender Skepsis als ich Prognosen las und hörte, in denen nur über die Höhe eines Sieges spekuliert wurde. Ein knapper 1:0-Erfolg gegen eine der besten Auswärtsmannschaften der Liga hätte mir gereicht. Selbst bei einem einfachen Punktgewinn wäre ich je nach Spielverlauf angesichts der komplizierten personellen Ausgangslage zufrieden gewesen.

Lasogga, Nicolai Müller, Beister, Rudnevs und nun noch Olic – auf dem Papier lesen sich die Namen des Hamburger Offensivpersonals gewiss nicht schlecht. In der grauen Realität jedoch hat Lasogga bekanntlich die Rückrundenvorbereitung mit der Mannschaft wieder einmal verletzungsbedingt komplett verpasst. Müller war ebenfalls angeschlagen, Beister muss sich nach einjähriger Pause erst wieder an die normale Wettkampfhärte herantasten, und Rudnevs passt als Konterstürmer nicht so recht ins Konzept einer offensiv-dominanten Spielanlage.

In der grauen Realität sind zudem die Defizite des Offensivpersonals beim HSV lediglich ein Teil des Problems. Genauer: Ein Problem unter vielen anderen. Der in der Hinrunde noch mit Anpassungsproblemen kämpfende Holtby schien im Trainingslager auf gutem Wege, die erhoffte unumstrittene Verstärkung im zentralen Mittelfeld zu werden, wird aber nun einen großen Teil der Rückrunde aufgrund seines Schlüsselbeinbruches nicht zur Verfügung stehen. Die bisher einzig klare Verstärkung der Mannschaft im Vergleich zur vorangegangenen Saison, Valon Behrami, fällt ebenfalls noch wochenlang aus. Und selbst in der zuletzt gut funktionierenden Innenverteidigung musste nach dem Ausfall Clébers umgestellt werden. Mit Rajkovic kam hier erstmalig wieder ein Spieler nach langer Zeit zu einem Pflichtspiel-Einsatz, den von Beister nur unterscheidet, dass er schon etwas weiter ist, auf dem Weg zurück zu seiner Topform. Dass er sein altes Leistungsvermögen noch nicht erreicht hat, dies wurde vor allem im weiteren Verlauf der gestrigen Partie (zweite Halbzeit) schonungslos aufgedeckt.

Joe Zinnbauer war somit vor der Partie nicht zu beneiden, denn die Mannschaft des HSV stellte sich aufgrund der Personallage fast von alleine auf:

Drobny – Götz, Djourou, Rajkovic, Jansen – Westermann – N. Müller (59. Stieber), van der Vaart, Jiracek (72. Lasogga), Gouaida (76. Beister) – Olic

Auffällig ist an dieser Aufstellung zunächst nur, dass Jansen Ostrzolek verdrängt hat. Dass Zinnbauer in dem wichtigen Auftaktspiel dem erfahren Jansen und nicht Ostrzolek-Backup Marcos den Vorzug gab, darf hingegen nicht überraschen. Schließlich musste er schon verletzungsbedingt auch auf Diekmeier verzichten und den talentierten, aber unerfahrenen Götz als Rechtsverteidiger einsetzen. Dass Zinnbauer Lasogga zunächst auf der Bank ließ, halte ich nach der Verpflichtung des topfitten Olic aus den bereits genannten Gründen für selbsterklärend.

Diskutabel obgleich nachvollziehbar bleibt für mich Zinnbauers Entscheidung, Heiko Westermann als Behrami-Ersatz und alleinige „Sechs“ in einem 4-1-4-1 aufzubieten. Durch Westermann gewinnt die Mannschaft zweifellos an Körpergröße im zentral-defensiven Mittelfeld und erhält damit zusätzliche Optionen vor allem im defensiven und offensiven Luftzweikampf, wie sich auch gestern zeigte. Auch besticht „HW4“ stets durch unerschütterlichen Einsatzwillen und ist ein gestandener, erfahrener Bundesligaspieler. Aber Westermann ist und bleibt ein Spieler, bei dem ich sogar im Training (noch unter Slomka) bei einer Pass-Übung mit „Pappkameraden“, also ohne jeden Druck eines Gegenspielers!, immer wieder bemerkenswerte technische Aussetzer beobachten konnte. Auch fehlt es ihm m.E. ein wenig an Dynamik, an Beweglichkeit auf engem Raum, an der Fähigkeit, durch ein gelungenes Dribbling Raum und damit Zeit zu erobern. Westermann, dies war meiner Meinung nach in vergangenen Spielen zur Genüge zu besichtigen, hat seine bestens Spiele immer dann abgeliefert, wenn er sich auf seine Kernkompetenzen als Innenverteidiger beschränken konnte. Und Westermann sah immer dann schlecht aus, wenn er sich, auch weil sich gewisse Kollegen immer wieder feige versteckten!, in Spielfeldzonen locken ließ, in denen sich seine regelmäßig auftretenden Probleme mit der Ballkontrolle fatal auswirkten (- ich werde darauf weiter unten noch einmal zurückkommen).

Spielbeobachtung: Der HSV begann die Partie engagiert. Allerdings verzichtete man nach dem Ausfall des sprintstarken Holtby und ohne Behrami auf ein konsequentes Offensivpressing. Stattdessen zog sich die Heimmannschaft bei gegnerischem Ballbesitz größtenteils bis auf 20 Meter vor die Mittellinie zurück.  Durch das Anlaufen des Gegners sollten dessen Angriffszüge vor allem auf die gewünschte Weise geleitet werden, zugleich stand man dadurch defensiv kompakt(er).

Olic war  in der ersten Halbzeit sehr auffällig und machte deutlich, dass er tatsächlich eine Verstärkung ist. Er wich regelmäßig auf die Flügel aus, half dort punktuell personelle Überzahl zu erzeugen, sodass das Angriffsspiel der Hamburger  hauptsächlich über die Flügel zunächst tatsächlich flüssiger und damit gefährlicher als in der Hinrunde wirkte. Bereits in der siebten Spielminute wäre ihm nach schöner Flanke von Nicolai Müller um ein  Haar sein erster Treffer für den HSV gelungen, als er fünf Meter zentral vor dem Kölner Tor stehend zum Kopfball ansetzte. Leider wurde der Flankenball gerade noch vom Kölner Maroh erwischt, sodass Olic letztlich ins Leere sprang. Aber auch wenn Olic bis zum Ende kein Torerfolg gelingen konnte, so halte ich fest, dass er deutlich gefährlicher wirkte als Lasogga zuletzt.

Nur zwei Minuten später schlug van der Vaart eine Freistoß-Flanke aus dem rechten Halbfeld in den Strafraum der Gäste, wo sich die bereits angesprochene Kopfballstärke Westermanns beinahe ausgezahlt hätte. Doch der gute Horn im Tor der Gäste konnte Westermanns Kopfball spektakulär entschärfen (9.).

Van der Vaart ließ sich vor allem während der ersten dreißig Minuten des Spiels des Öfteren in die Tiefe fallen, um entweder den Spielaufbau selbst zu übernehmen oder als Verbindungsspieler zu fungieren. Leider dürfte es sich inzwischen ligaweit herumgesprochen haben, dass es eben van der Vaart ist, auf dem in Hamburg in diesem Zusammenhang fast alle Hoffnungen ruhen. Konsequenterweise wurde der Niederländer daher sofort von den Kölnern attackiert. Diesem permanenten Gegnerdruck konnte er sich zu Beginn des Spiels einige Male durch seine technischen Fähigkeiten entziehen, im weiteren Verlauf der Partie gelang ihm dies jedoch zunehmend weniger. Problematisch in diesem Zusammenhang wirkten sich hier nicht nur die mangelnde Entlastung aufgrund der fehlenden Kreativität Westermanns aus, sondern auch die Tatsache, dass Jiracek fast durchweg hoch stehend agierte. Es fehlte in meinen Augen an einem fluiden Wechselspiel zwischen den beiden zentralen Spielern der offensiven Viererkette in dieser Hinsicht, was dem Gegner die Vorhersagbarkeit der Hamburger Spielzüge erleichterte.

Der FC kam nach ca. zwanzig Minuten immer besser ins Spiel und hätte in der 24. Minute nach einem kapitalen Stellungsfehler Djourous durch den quirligen Ujah in Führung gehen müssen. Djourou sprang unter einer Flanke hindurch, Ujah kam zentral vor Drobny frei zum Schuss, jedoch konnte Hamburgs Torhüter einen Rückstand für seine Farben per Fußabwehr gerade noch vermeiden.

Insgesamt entwickelte sich in der ersten Hälfte ein ausgeglichenes, temporeiches Spiel mit einigen Torchancen für beide Seiten. Auf Seiten des HSV waren jedoch u.a. auch bereits Abstimmungsprobleme in der neu formierten Innenverteidigung erkennbar, sodass ich schon zur Pause mit einer Punkteteilung zwar nicht glücklich, jedoch zähneknirschend zufrieden gewesen wäre.

Der Trend der ersten Halbzeit setzte sich auch in der zweiten Spielhälfte fort. Zwar gelang es dem HSV zunächst noch das Spiel weitestgehend offen zu gestalten, doch die Kölner wurden immer mutiger und damit auch gefährlicher. Van der Vaart ließ sich nun kaum noch in die Tiefe fallen, was die Probleme der Hamburger im Spielaufbau stetig verschärfte. Der FC neutralisierte nun nicht nur allein van der Vaart, sondern attackierte bereits beide Innenverteidiger und vor allem auch den relativ unerfahrenen Götz beim Spielaufbau. Das Ergebnis war stetig zunehmender Verlust an Spielkultur beim HSV. Der Ball wurde Mal um Mal zu Drobny zurück gespielt, da auch die Abstände zur Offensive zu groß wurden, was die Hamburger Defensiven vor dem riskanten langen Pass regelmäßig zurückschrecken ließ. Mit anderen Worten: das während der ersten zwanzig Minuten der ersten Hälfte zaghaft aufkeimende Pflänzchen Spielkultur wurde zunehmend durch den unter diesen Umständen erzwungenen  „langen Hafer“ von Drobny ersetzt. In dem Maße, in dem der HSV das Fußballspielen mit Betonung auf spielen einstellte, in dem Maße wirkte das Spiel der Gäste eindeutig klarer, strukturierter, gereifter und gefährlicher. Die Hamburger ihrerseits wirkten auf mich in Sachen Lauf- und Passwege z.T. überhastet und konfus.

In der 53. Minute konnte Drobny gerade noch eine Doppelchance der Kölner bravourös vereiteln. Spätestens jetzt hätte ich wohl auf ein 4-2-3-1 mit Doppel-6 umgestellt. Aber als Beobachter habe ich auch leicht reden, denn ich muss das Ergebnis nicht verantworten.

Zinnbauer wechselte in der 59. Minute und brachte Stieber für Müller, der aufgrund seines Trainingsrückstandes verständlicherweise noch nicht ganz konditionell topfit wirkte. Stieber besetzte nun die linke offensive Außenbahn. Gouaida wechselte somit die Seite und ersetzte Müller rechts.

Nur drei Minuten später kam, was einem inzwischen als leidgeprüftem HSV-Anhänger sattsam bekannt vorkommt: Westermann wurde vom auffälligen Peszko attackiert und erlaubte sich einen fatal schlechten Pass zu Rajkovic. Der Kölner Risse erlief den Ball und war auf und davon. Es passt zum HSV, dass es Risse gelang, den ansonsten mehrfach gut haltenden Drobny aus spitzem Winkel zu tunneln. Die Führung für den FC zum 0:1 (62.) – man sah sie förmlich kommen.

Zinnbauer, in dem Bemühen, den Rückstand zu egalisieren, wechselte offensiv und brachte mit Lasogga eine zweite Spitze für Jiracek, also für einen tendenziell defensiveren Mittelfeldspieler. Dadurch wurden jedoch die Probleme der Hausherrn in Sachen klar strukturiert vorgetragener Angriffe weiter verschärft. Mit dem nächsten Wechsel, Beister für Gouaida (76.), wurde endgültig auf die berühmte Brechstange gesetzt. Lange Bälle aus der eigenen Hälfte und hoffen, dass einem der drei Stürmer der Ausgleich gelingen möge. Prompt liefen die Hamburger in einen weiteren Konter der Gäste. Erneut war es Risse, dem nur zwei Minuten später fast eine Kopie des Führungstreffers gelang. Spätestens hier war klar zu sehen, dass Rajkovic, den ich ansonsten nicht schlecht gesehen habe, läuferisch keine Chance hatte, den enteilten Risse zu stellen. Dieses Mal schob dieser den Ball von der rechten Angriffsseite an Drobny vorbei ins lange Eck zum 0:2 (78.). Damit war das Spiel praktisch entschieden. Die Hamburger blieben trotz dreier Stürmer im Grunde harmlos, die Kölner hätten sogar noch das 0:3 erzielen können, wenn nicht gar müssen (90.).

Fazit: Der ersatzgeschwächte HSV zeigte zunächst gute Ansätze, verlor am Ende jedoch mehr als verdient. Einmal mehr wurde deutlich, dass die mangelhafte Torausbeute nur zum Teil den (bisherigen) Stürmern des Kaders anzulasten ist. Ohne Behrami wirkt auch die Defensive unsicherer. Van der Vaart als einziger, erklärter Kreativspieler ist zu wenig, da für jeden Gegner zu leicht zu neutralisieren. Insofern war es zwingend notwendig, dass der Club vor Schließung des Winter-Transferfensters im zentralen Mittelfeld nachbessert. Es bleibt nur zu hoffen, dass mit dem Chilenen Diaz das Element der Spielkultur entscheidend gestärkt wird, obgleich man sicher auch von ihm keine sofortigen Wunder erwarten darf.
Die Hamburger haben den Rückrundenauftakt also eindeutig verpatzt und stehen nun bereits in den nächsten beiden Spielen gehörig unter Erfolgsdruck. Panik oder irgendeine Form von Aktionismus hielte ich für unangemessen und völlig kontraproduktiv. Gleichwohl muss man schnellstmöglich die richtigen Lehren aus dieser Partie ziehen. Meines Erachtens kann dies zum jetzigen Zeitpunkt nur bedeuten: HW4 für Rajkovic zurück in die Innenverteidigung, und  Jiracek und Diaz gemeinsam ins defensive Mittelfeld. Aber das ist am Ende nur meine unmaßgebliche Meinung.

Schiedsrichter: Stark (Ergolding). Ohne Probleme. Die gelbe Karte für van der Vaart halte ich für vertretbar. Allerdings hätte sich der Niederländer auch nicht beschweren dürfen, wenn er für seinen unnötigen Tritt von einem anderen Schiedsrichter vom Platz gestellt worden wäre.

von alten und neuen Kapitänen, Klippen und einer Bergung, die andauert

Preisfrage: was haben die Costa Concordia und der HSV gemeinsam? Antwort: Beide wurden von überforderten Kapitänen kommandiert, beide wurden fast versenkt. Und in beiden Fällen sind sich die Kapitäne kaum einer Schuld bewusst.

Der Unterschied: der gockelhafte Capitano Schettino, der das ihm anvertraute Schiff offenbar vor allem aus Geltungssucht auf die Klippen der kleinen Insel Giglio setzte, bevor er natürlich nur rein zufällig in eines der ersten Rettungsboote stolperte, der besitzt (noch) ein Kapitänspatent. Carl-Edgar Jarchow wurde die Befähigung zur Führung des Dickschiffs namens HSV lediglich unterstellt. Ein in Kreisen Hamburger Pfeffersäcke durchaus klangvoller Nachname, ein wenig rhetorische Befähigung zu Politiker-Floskeln, schon wurde aus einem Hinterbänkler ein idealer Kompromisskandidat. Ein Kapitänspatent, also die tatsächlich nachgewiesene Befähigung zur Leitung eines mittelständischen Unternehmens mit einem Jahresumsatz von immerhin ca. 140 Millionen Euro in einer sehr speziellen Branche – wer braucht das schon? Wen wundert es, dass Jarchow, der mindestens die politische Verantwortung für  eine unter seiner Führung dramatisch verschlechterte finanzielle Lage des Vereins trägt, rückblickend nur die eine oder andere personelle Entscheidung als  eigenen Fehler erkennt.

Kapitäne, die vor allem auch Kraft ihrer eigenen Einschätzung über das Patent zur großen Fahrt verfügten, auch das hat(te) schließlich traurige Tradition beim einst ruhmreichen Hamburger SV.  Doch mit Ruhm und Tradition ist das so eine Sache. Beides gründet in der Regel auf Vergangenem.

Einschneidende Veränderungen und die Mär vom ausgeglichenen Wettbewerb

Der Fußball hat sich seit Gründung der Bundesliga fortlaufend verändert. Wie alle anderen Sportarten auch. Das ist eben so banal wie einfach festzustellen. Die vierstellige Bezahlung, für welche die ersten Profis noch die Schuhe schnürten, die verlangt heute schon ein namenloses Nachwuchstalent. Plus Festanstellung für den Herrn Papa, z.B. als Scout selbstredend.

Durch das Bosman-Urteil (1995) des Europäischen Gerichtshofs haben sich die Kräfteverhältnisse in den Vertragsverhandlungen zwischen Vereinen und Spielern zugunsten der Spieler verschoben. Durch den Einstieg des Bezahlfernsehens kamen Gelder in bis dato ungeahnter Größenordnung in Umlauf. Und die Umgestaltung der kontinentalen Pokal-Wettbewerbe in Ligen (in Europa: Championsleague, Euro-League) bewirkte ein Übriges. Wenn ich mich recht erinnere, so wurde in den Neunzigern eine von den nationalen Ligen gänzlich abgekoppelte eigene Liga für die G20-BigPlayer unter den Vereinen diskutiert und lautstark abgelehnt. De facto ist sie jedoch durch die Hintertür längst eingeführt worden. Denn früher ließ sich mit dem Gewinn des UEFA-Pokals oder des Europapokals der Pokalsieger durchaus noch Staat machen ( – auch wenn der Pokal der Landesmeister schon damals der bedeutendste Wettbewerb war). Heute landet man als Runner-up des nationalen Wettbewerbs oder Gewinner des nationalen Pokals in einem Trostpflaster-Wettbewerb namens Europa-League, der zunächst einmal Geld kostet. Weil man die Kadergröße an die Doppelbelastung anpassen muss, weil Siegprämien zu zahlen und zusätzliche Reisekosten zu tragen sind. Etwas Geld kann man dort erst ab dem Halbfinale verdienen. Leider garantiert einem keiner zum Start, dass man diese Gewinnzone auch tatsächlich erreicht. Anders für die Teilnehmer der Champions League. Hier werden zweistellige Millionenbeträge schon in der ersten Gruppenphase garantiert. Gewinnt man den Pokal, kommen  schnell 60 (sechzig!) Millionen Euro auf das Konto. Diese krasse Ungleichverteilung der Gelder hat zur Folge, dass Jahr für Jahr weit überwiegend die ewig gleichen Namen in der Champions League anzutreffen sind. Die reichen Vereine werden immer reicher, die Emporkömmlinge werden mit Brosamen ruhig gestellt, und der Rest, zu dem inzwischen auch der HSV zu zählen ist, spielt gegen den Abstieg.

Auch aus rein sportlicher Sicht sind unschwer bemerkenswerte Veränderungen festzustellen. Jeder, der sich heute z.B. die WM-Classics von ’74 bis ’90 anschaut, wird sofort bemerken, wie vergleichsweise  langsam die Spiele waren, wie viel Zeit bspw. ein Netzer hatte, um aus der Tiefe des Raumes nach vorne zu traben. Derart viel Zeit bekommt ein ballführender Spieler heute nicht einmal mehr in den unteren Regionen der zweiten Liga.

Manndeckung, Ausputzer? 1990 wurde Deutschland unter Beckenbauer mit einem 5-3-2-1 Weltmeister. Spielt in dieser Form heute kaum einer mehr. Viererkette? Noch Anfang der Neunziger behaupteten fast alle deutschen Experten, diese Art des Spielens passe einfach nicht zu deutschen Spielern.  Gleich so, als sei im deutschen Fußball-Genom das entsprechende Gen aufgrund des Wirkens höherer Mächte einfach nicht aufzufinden. Kennen wir schon (von den Holländern), können wir aber nicht, wollen wir daher nicht. Haben wir noch nie so gemacht und waren doch häufiger im Finale (als die kleinen Nachbarn). Basta.

Dann kam ein damals junger Trainer, Ralf Rangnick, mit dem SSV Ulm und bewies das Gegenteil. Der „Professor“ muss uns nicht den Fußball erklären! Was bildet der sich ein?!, mokierte sich das Establishment. Heute sind auf Kettenbildung basierende Systeme längst eine Selbstverständlichkeit. Mehrere Trainer experimentieren sogar mit Dreierketten in der Abwehr. Darunter anerkannte, weltweit respektierte Trainer wie Guardiola und Löw. Aber Fink, der dies exakt ein Mal beim HSV versuchte, der hatte natürlich, natürlich absolut gar keine Ahnung, meinten wieder einmal die Experten zu wissen.

Berti Vogts hat früh, Mitte der Neunziger, wiederholt darauf hingewiesen, dass der deutsche Fußball im Begriff sei, den Anschluss zu verlieren. Er forderte bereits damals ein radikales Umdenken in der Nachwuchsausbildung. Aber das war ja auch der von Raab besungene kleine Bööördi. Kein Grund zur Sorge. Am Ende kam es bekanntlich, wie es kommen musste: Die Nationalmannschaft flog bei den großen Turnieren frühzeitig nach Hause. Und auch die deutschen Klubs waren kontinental kaum noch konkurrenzfähig. Da haben es dann sogar, fast möchte ich sarkastisch gratulieren, die erzkonservativen Granden des DFB geschnallt. Aber wie immer, wenn traditionelle Vorgehensweisen in Frage gestellt werden, ging dies nicht ohne Reibung und Widerstand. Klinsmann, der sich aus guten Gründen weitgehende Befugnisse und ein handverlesenes Team zusichern ließ, wollte zusätzlich den klugen Bernhard Peters zum Sportdirektor des DFB machen. Uh, ein Hockey-Trainer, das geht gar nicht!, befand das Establishment und drückte damals Sammer durch. Die Wahrheit aus meiner Sicht: die Weltmeisterschaft 2014 ist ohne die damaligen Visionen des zu Unrecht auf ein paar Buddha-Statuen beim FCB reduzierten Klinsmann undenkbar. Allem Hoeneß zum Trotz.

Nicht nur der HSV verschläft Entwicklungen

Dann kam der BvB. Vom fast insolventen Pleiteklub zum deutschen Meister. Läuferisch der damaligen Konkurrenz überlegen, konnte Trainer Jürgen Klopp die Aufgabe der Balleroberung aus dem Bereich traditioneller Abwehrarbeit nach vorne, weg vom eigenen Tor verschieben. Pressingphasen, wie sie der HSV übrigens  zeitweilig bereits vor Jahrzehnten(!) unter Ernst Happel gespielt hatte, konnten dank verbesserter Laufleistungen der Spieler zeitlich deutlich ausgedehnt werden. Inklusive s.g. Pressingfallen, d.h. man ließ den Gegner ganz bewusst in bestimmte Räume eindringen, um dort den Ball zu erobern und die gegnerische Abwehr möglichst in Unordnung zu überraschen. Dass der HSV diese Entwicklung fast komplett verschlafen hat, das kann inzwischen kaum noch verwundern. Taktisch unter Zebec und Happel noch zur nationalen und sogar kontinentalen Spitze zählend, klammert(e) man sich in Hamburg viel zu lange an die ruhmreiche Vergangenheit. Überraschender schon, dass anfänglich selbst die Bayern den Dortmundern kaum Paroli bieten konnten. Dann aber kamen sie mit Macht. Heynckes modifizierte den Ballbesitz-Fußball van Gaal’scher Prägung und moderierte geschickt die internen Dissonanzen. Eine Transferoffensive, in deren Zuge u.a. Manuel Neuer und für schlappe 40 Millionen Euro Javi Martinez verpflichtet wurden, brachte sie zurück an die absolute Spitze (Tripple-Sieger).

Der HSV fristete derweil sportlich mehr oder minder orientierungslos sein Dasein. Mit beinahe beängstigender Regelmäßigkeit wurden neue Konzepte angekündigt. Neues Personal (Trainer, aber auch Sportdirektoren und Leiter des NLZ) verpflichtet und alsbald wieder zum Teufel gejagt. Rein in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln. Wen wundert es da noch, dass manches Konzept schon bald nicht mehr das Papier wert schien, auf dem es skizziert wurde?! Natürlich waren und sind nie alle Mitarbeiter des HSV unfähig gewesen! Dass man trotz dieses erzkonservativen, da rückwärts gewandten Kurses immer wieder auch erfolgreich Talente entwickeln konnte, beweist dies. Im Grunde können einem jedoch alle Mitarbeiter des Clubs leid tun, die unter derartigen Umständen über Jahre bemüht waren, tatsächliche Spitzenleistung zu ermöglichen. Aus Nabelschau und Vergangenheitsverklärung lässt sich eben nur äußerst schwer zeitgemäße Leistung in einem Hochkonkurrenz-Wettbewerb generieren.

Analyse als unverzichtbare Basis der Leistungsentwicklung

Es kann schon gar nicht mehr verwundern, dass Beiersdorfer zum Amtsantritt Knäbels eingestand, er habe gar nicht gewusst, dass man eine s.g. Weltstandsanalyse machen kann. Wie aber will man heute Talente aus der U15 auf die Anforderungen des Fußballs im Jahr 2022 vorbereiten, wenn man gar nicht weiß, wohin die Reise geht? Wenn ich gar nicht analysiere, was diese Talente in einer sich stetig wandelnden Sportart erwartet? Das funktioniert nicht. Das kann nicht optimal funktionieren! Und wir reden hier über Beiersdorfer, nicht über Herrn Hunke, Ertel  oder Jarchow…

Neue Spieler bringen oft beim HSV nicht die Leistung, die sie zuvor bei ihren Vereinen gebracht haben. Weil sie allesamt charakterschwach und saturiert sind, sobald sie beim HSV gelandet sind? Das mag in Einzelfällen zutreffen, ist aber meines Erachtens keine erschöpfende, schlüssige Erklärung.

Leistung im Sport basiert in meinen Augen auf sachkundiger, unsentimentaler Analyse: Wo stehe ich derzeit? Wodurch lässt sich die Spitze in meinem Sport kennzeichnen?  Wie kann ich eine etwaige Differenz zwischen meinem Ist-Zustand und dem Soll-Zustand in realistische, da zu erreichende Einzelschritte (Etappenziele) zerlegen? Systematisches, konzeptionelles Arbeiten ist gefragt, nicht Versuch und Irrtum. Die nicht funktionierenden Strukturen müssen  erkannt, aufgebrochen und zu einem schlüssigen Gesamtkonzept zusammengefügt werden.

Wer, wie der HSV, seit Jahren und Jahrzehnten den eigenen Ansprüchen hinterher läuft, wer serienweise versagt, wenn es um die Wurst geht, der muss sich an die eigene Nase fassen. Der darf nicht die Schiedsrichter, höhere Mächte (Papierkugel) oder einzelne Spieler zum Sündenbock machen. Das ist nur bequem und zu billig.

Fußball ist, das gilt heute mehr denn je, Teamsport. Wie kann man von einer Mannschaft Spitzenleistung erwarten, bei deren Zusammenstellung mal dieser mal jener seine Finger im Spiel hatte? Wie kann ich von einem, zwei oder drei neuen Spielern Spitzenleistung erwarten, wenn das Team als Ganzes nicht funktioniert? Weil die ja (zu) viel Geld verdienen? Mit Verlaub, da spricht doch nur der Sozialneid.

Der einzelne Spieler ist immer auf den Rest seiner Kollegen angewiesen. Selbst Ausnahmekönner wie Maradona, Christiano Ronaldo oder Messi konnten und können durch sehr gut funktionierende Mannschaften neutralisiert werden, wie die Fußball-Historie belegt.

Und dennoch scheint mir ebenfalls richtig: Zwischen rückwärts gewandtem Traditionalismus nebst inzwischen absurd  erscheinendem, überhöhtem Anspruchsdenken, bestand beim HSV zu lange eine Komfortzone, die mindestens nicht leistungsfördernd wenn nicht gar leistungsfeindlich wirkte. Nur ein Beispiel: Frank Rost hat uns seinerzeit vor dem Abstieg bewahrt? – Der darf den Verein nicht  mehr verlassen, hieß es. Ein reiner Reaktionstorwart mit unterentwickelter Spieleröffnung wurde als angeblich unverzichtbar dargestellt. Konnte doch keiner ahnen, dass Manuel Neuer und eine ganz andere Generation von Torhütern (Zieler, ter Steegen, Trapp, Karius und und und) nachrücken würde. Oder etwa doch? Könnte es sein, dass diese neue Generation mitnichten plötzlich vom Himmel fiel? Würde ich nicht der Expertise von Peter Knäbel vertrauen, ich würde befürchten, dass man gerade im Begriff ist, mit Drobny denselben Fehler (wie mit Rost)  zu wiederholen.

Spieler haben in meinen Augen eine Funktion im Team. Diese sollen sie erfüllen (auch dafür werden sie im Fußball nicht zuletzt ganz anständig bezahlt.). Jedem neuen Spieler muss man eine Zeit der Eingewöhnung von einem halben Jahr zu billigen. Schließlich bleiben sie auch als Profis Menschen und sind keine Roboter. Aber spätesten dann muss ich fortlaufend die Entwicklung des Spielers analysieren. Hat er die Erwartungen erfüllt? Besitzt er weiteres Entwicklungspotenzial? Wenn er die Erwartungen nicht erfüllen konnte, bspw. weil er andauernd mit Muskelverletzungen ausfiel, muss zielgerichtet und lösungsorientiert an dem Problem gearbeitet werden. Um bei diesem Beispiel zu bleiben: Alles muss auf den Prüfstand. Komplette sportmedizinische Analyse, maßgeschneidertes, präventives Training möglich?, Ernährung und Lebenswandel sind zu hinterfragen. Bleibt alles ohne Befund und Wirkung, muss man notfalls den Spieler wieder transferieren. Ende. Das mag für den Spieler hart sein, ist aber Berufsrisiko. Das wissen auch die Spieler. Es gibt keine Garantie für die großen Fleischtöpfe. Allein die Leistung kann den Platz auf Zeit an diesen Töpfen  rechtfertigen. Und Leistung, hier schließt sich der Kreis, muss immer in Relation zu den Konkurrenten bewertet werden. Was heute noch ausreichen mag, kann morgen schon ungenügend erscheinen. Weiter, immer weiter! Nichts ist so alt wie die Erfolge von gestern. Die sind schöne Erinnerungen, helfen aber wenig in der Gegenwart, wie z.B. der BvB gerade erfährt. Das bedeutet aber keineswegs, dass man alles im Falle des Misserfolgs sofort über Bord wirft. Gemeint ist aber wohl: hier gibt es ein Problem, für das in angemessener(!) Zeit eine für das Gesamtkonstrukt passende Lösung gefunden werden muss.

Um zum Ausgangspunkt, den größtenteils überforderten Kapitänen auf der Brücke des HSV zurückzukehren: Ich habe versucht, einige Punkte herauszuarbeiten:

  1. Auch der Fußball verändert sich permanent;
  2. Das jeweilige Establishment reagiert darauf gewöhnlich mindestens mit Skepsis wenn nicht gar unverhohlener Ablehnung;
  3. Eine überprüfbare positive Leistungsentwicklung ist Voraussetzung, um einen Rückstand zu verringern;
  4. Der HSV ist aus diversen Gründen den Erfordernissen des Leistungssports bisher nicht gerecht geworden. Der sportliche Niedergang hat daher hausgemachte Ursachen.

Ich betrachte daher die Veränderungen, die Peters und Knäbel beim HSV vornehmen, als sowohl zwingend notwendig als auch überfällig. Dietmar Beiersdorfer besitzt in meinen Augen in diesem Prozess die durchaus wichtige Aufgabe, all die konservativen Kräfte des Vereins „einzufangen“, die ansonsten, die Art und Weise des Scheiterns von Frank Arnesen beim HSV lässt grüßen, das Ganze früher oder später torpedieren werden. Diese Kräfte sind Klippen, die man nicht ignorieren darf, will man das Schiff am Ende in sichere Gewässer schleppen.

Wenn Peters und/oder Knäbel von „Leitplanken“ sprechen, die einzuziehen seien, wenn von leistungssportgerechten Abläufen und Strukturen die Rede ist, die jetzt, fast dreißig Jahre nach dem letzten Titelgewinn, zu etablieren seien, dann ahnt man, wie inkompetent dieser Verein von seinen bisherigen Kapitänen mehrheitlich geführt wurde. Zugleich ist es ein Armutszeugnis für einen Verein mit diesem Anspruch.

Der große Dampfer HSV liegt unverändert leckgeschlagen auf der Seite. Daran ändert auch die Entscheidung der Mitglieder pro HSVPlus zunächst nichts. Ob die Bergung gelingt, werden erst die nächsten 18 Monate zeigen. Es wird mühsam, so viel scheint sicher. Immerhin verfügt die heutige Besatzung auf der Brücke über das nötige Handwerkszeug. Allein dies erscheint mir für den HSV schon fast revolutionär und gibt Anlass zur leisen Hoffnung. Die Entscheidung für die Ausgliederung bleibt jedoch, ungeachtet gewisser Konstruktions- und Umsetzungsfehler und ungeachtet des Ausgangs der Bergung, richtig. Denn die war zu dem Zeitpunkt längst alternativlos.