Götze

Deutschland – Portugal 4:0 (3:0)

Ich gestehe, die Vorfreude auf diese WM hielt sich bei mir in Grenzen. Wer sich ein wenig mit den Hintergründen sportlicher Großereignisse, gleich ob sie vom IOC oder der FIFA veranstaltet werden, beschäftigt hat, der wird dieses Unbehagen vielleicht teilen. Längst steht nicht mehr nur der Sport im Fokus, sondern es geht immer auch und vor allem um Politik, Geschäftemacherei und Korruption: Blatter, der wie kaum ein anderer für den desaströsen Zustand der FIFA und ihre höchst zweifelhaften Entscheidungen (Katar) verantwortlich zu machen ist, kündigt trotzig seine erneute Kandidatur als deren Präsident an;  Deutschlands „Lichtgestalt“(?), Franz Beckenbauer, wurde von der FIFA-Ethikkommission in einer vorläufigen Entscheidung für 90 Tage zur persona non grata erklärt, und im Hintergrund kann man gerade das Zerbrechen einer alten DFB-Seilschaft, Zwanziger/Niersbach, bestaunen.

Von den ersten Turnierspielen ist mir am eindringlichsten die Begegnung zwischen Spanien und den Niederlanden (1:5) in Erinnerung geblieben. Beeindruckend, wie dort der Fünfzehnte der FIFA-Rangliste die Nummer eins regelrecht zerlegen konnte. Aber auch wenn die Niederlande zweifellos etabliert und immer zu beachten sind, so war die gestrige Partie zwischen dem dreimaligen Weltmeister Deutschland (Zweiter) und den Portugiesen (Vierter) zumindest auf dem Papier höherwertig anzusiedeln. An dem Offensivpersonal Deutschlands dürften angesichts vielfältiger Alternativen kaum Zweifel bestehen. Gespannt sein durfte man, ob und wie sich die Mannschaft defensiv gegen den zur Zeit vielleicht besten Fußballer der Welt, Christiano Ronaldo, aus der Affäre ziehen würde.

Bundestrainer Löw wählte eine eher defensive Variante in der Abwehr und verzichtete auf offensive(re) Außenverteidiger. Im Einzelnen vetraute er der folgenden Aufstellung: Neuer – Boateng, Mertesacker , Hummels (73. Mustafi), Höwedes – Lahm, Khedira – Özil (63. Schürrle), Kroos, Götze – Müller (82. Podolski)

Spielbericht: Zunächst schien es, als sei Portugal der erwartet schwere Gegner. In der vierten Minute prüfte der aus der Bundesliga bestens bekannte Hugo Almeida erstmals Manuel Neuer im deutschen Tor, doch dieser hatte mit dem Schuss keine nennenswerte Mühe. Drei Minuten später kam dann Christiano Ronaldo (CR7) aus halblinker Position und ca. 7 Metern zum Abschluss (7.), was deutlich gefährlicher wirkte. Es sollte jedoch seine einzige echte Torchance aus dem Spiel heraus bleiben. Praktisch im Gegenzug die erste Chance für Deutschland: Khedira setzte einen Fernschuss knapp neben dem linken Pfosten der Portugiesen ins Toraus (8.).

In der 10. Minute kombinierte sich die deutsche Mannschaft in den Strafraum des Gegners. Der Ball kam zu Götze. Dieser wurde im Zweikampf von seinem Gegenspieler klar mit der Hand gehalten und umgerissen. Schiedsrichter Mazic erkannte auf Foulspiel und entschied folgerichtig auf Strafstoß für Deutschland. Müller versuchte Rui Patricio im Gehäuse der Portugiesen zu verladen, doch dieser sprang in die vom Schützen aus gesehene richtige, linke Ecke. Zum Glück für Deutschland war Müllers Schuss zu hart und zu präzise, sodass Patricio den flach geschossenen Ball nicht erreichen konnte. Das 1:0 (11.).

In den folgenden zwanzig Minuten verlief das Spiel relativ ausgeglichen. Bereits jetzt war erkennbar, dass die Deutsche Nationalmannschaft aufgrund der hohen Temperaturen vor Ort um Effizienz in ihrem Spiel bemüht war. Kein permanentes, kräfteraubendes Offensivpressing, kein langes, aufwendiges s.g. Possesion Play, sondern sie war erkennbar um schnelles, überfallartiges Umschaltspiel bemüht.

Die 31. Minute sah zunächst eine schöne Kombination zwischen Kroos und Özil im Strafraum des Gegners, an derem Ende der Schussversuch von Kroos zur Ecke für Deutschland geblockt wurde. Der nachfolgende Eckstoß von Toni Kroos (von der rechten Seite) fand den Kopf von Hummels. Das beruhigende 2:0 (32.) aus deutscher Sicht.

Nur fünf Minuten später war das Spiel im Grunde entschieden. Pepe traf im Zweikampf um den Ball Müller mit der Hand im Gesicht. Ganz sicher keine Absicht des Portugiesen, aber eben doch ein klares Foul. Müller ging zu Boden und Pepe, der sich keiner Schuld bewusst schien, beugte sich mit dem Kopf tief zu dem auf dem Rasen sitzenden Müller hinunter, um dem vermeintlichen Simulanten „die Meinung zu geigen“. Dabei kam es zu einer leichten Berührung beider Köpfe. Das Schiedsrichtergespann wertete dies wohl als versuchte Tätlichkeit (Kopfstoß) des Portugiesen, da dieser die Bewegung ausgeführt hatte. Konsequenz: Feldverweis für Pepe, und Portugal nicht nur mit zwei Toren im Rückstand, sondern nun auch noch mit einem Mann weniger.

In der Nachspielzeit der ersten Hälfte passte Kroos ins Zentrum des gegnerischen Strafraums. Dort wurde der Ball von einem Verteidiger abgefangen. Dessen versuchter Befreiungschlag wurde vom unmittelbar vor ihm im Strafraum positionierten Müller geistesgegenwärtig geblockt und nachfolgend im Tor der Portugiesen versenkt. Das 3:0 (45+1.)

Mit der deutlichen Führung für die Deutsche Mannschaft und der personellen Unterzahl der Portugiesen war die Ausgangslage für die zweite Spielhälfte klar: Für Portugal galt es, eine Debakel zu vermeiden. Deutschland konnte vor allem  auf Ergebnissicherung spielen und Kräfte sparen.

In der 51. Minute scheiterte Özil mit einem Schuss zunächst am Torwart der Portugiesen. Den Abpraller setzte Müller über das Tor.

Da die Deutsche Nationalmannschaft gerade im Offensivbereich einige Alternativen (auf der Bank) zu bieten hat, entschloss sich Jogi Löw, den etwas farblos agierenden Özil auszuwechseln. Für ihn kam Schürrle, der fortan die rechte offensive Außenbahn bespielte. Schürrle lieferte eine engagierte Leistung. Bereits in der 69. Minute setzte er sich auf dem rechten Flügel durch und passte genau auf den zentral im Strafraum des Gegners lauernden Götze, dessen Schuss jedoch von der Verteidigung geblockt werden konnte. Was für eine Chance!

In der 73. Minute wurde Löw dann zum Wechseln gezwungen, da Hummels einen Schlag auf den Oberschenkel bekommen hatte und nicht mehr weiterspielen konnte. Für Hummels kam der junge Mustafi. Boateng rückte von der rechten Außenverteidigerposition nach innen und ersetzte Hummels. Mustafi übernahm die defensive rechte Außenbahn. Auch dieser Wechsel ändert nichts daran, dass Portugals CR7 praktisch nie zur Entfaltung kam.

Fünf Minuten später war es erneut Schürrle, der von rechtsaußen wunderbar genau und mit Druck nach innen passte. Patricio im Tor der Portugiesen konnte den Pass liegend nur mit einer Hand abklatschen. Der Ball fiel im Fünfmeterraum Müller vor die Füße, der sich erneut als äußerst reaktionschnell erwies und keine Mühe hatte, aus drei Metern abzustauben. Das 4:0 für Deutschland (78.).

Die Nachspielzeit sah noch einen fulminanten Schuss von Christiano Ronaldo (90+2.) aus gut und gerne dreißig Metern, den Neuer jedoch letztlich sicher parieren konnte.

Schiedsrichter: Milorad Mazic (Serbien). Insgesamt ordentliche Spielleitung. Die rote Karte für Pepe war vertretbar, jedoch war das Spiel durch diese Schiedsrichterentscheidung im Grunde (vor)entschieden. Gelegentlich mit unglücklichen Laufwegen.

Fazit: Manchen Unkenrufen im Vorfeld zum Trotz zeigte die deutsche Mannschaft eine reife Leistung. Angesichts der hohen Temperaturen vor Ort fand sie eine gute Balance zwischen abwartender, defensiver Stabilität, Ballbesitz-Fußball, gelegentlichem Offensivpressing und vor allem schnellem Umschaltspiel. Nach dem dritten Gegentreffer und dem Platzverweis ging es für die Portugiesen nur noch um Schadensbegrenzung. Das deutsche Team konnte sich in der zweiten Spielhälfte im Wesentlichen auf die Sicherung des Vorsprungs konzentrieren, blieb aber jederzeit torgefährlich, ohne an die absolute Leistungsgrenze gehen zu müssen. So konnten wichtige Kräfte für die folgenden Aufgaben gespart werden. Das 4:0 ist in jeder Hinsicht (Höhe des Ergebnisses, zu null) ein traumhafter Einstand in das Turnier, der zunächst einmal ein beruhigendes Polster für die Endabrechnung nach der Vorrunde darstellt.

Neben dem dreifachen Torschützen und „Man of the Match, Thomas Müller, stach Boateng heraus, der mit Unterstützung seiner Kollegen (Lahm) Portugals CR7 fast vollkommen aus dem Spiel nehmen konnte. Christiano Ronaldo trat fast nur bei seinen Standards in Erscheinung.

Ebenfalls erfreulich: Der zuletzt angeschlagene Neuer wirkte fit. Und Khedira kommt immer besser in Form.  Er sorgte als Pendant von Lahm auf der Doppelsechs nicht nur für defensive Stabilität, sondern trat mehrfach auch offensiv in Erscheinung. Da auf der deutschen Bank u.a. noch ein Hochkaräter wie Schweinsteiger auf seine Einsätze wartet, gehe ich davon aus, dass in den folgenden Begegnungen auch die defensiven Außenbahnen vermutlich anders besetzt werden. So könnte Lahm aufgrund der Verletzung von Hummels den rechten Außenverteidiger geben. Boateng würde dann die freie Innenverteidiger-Position einnehmen und Schweinsteiger käme als zweiter Sechser zurück in die Startaufstellung. Die Deutsche Nationalmannschaft  hat, das scheint mir eine ganz wichtige Erkenntnis des gestrigen Spiels, auch defensiv funktionierende Alternativen, keinesweg nur offensiv. Allerdings war nicht nur das Spiel aufgrund der Torfolge relativ frühzeitig entschieden, sondern der Gegner spielte über weite Strecken in Unterzahl. Zudem musste er im weiteren Verlauf auch noch den Ausfall eines weiteren, wichtigen Spielers, Coentrao, verkraften. Die deutsche Abwehr wurde daher in der zweiten Spielhälfte kaum noch gefordert. Bei aller Freude bleibt also abzuwarten, wie sich die Mannschaft gegen andere Gegner aus der Affäre ziehen wird. Schon der kommende Gegner, Ghana, könnte der deutschen Abwehr größere Probleme bereiten.

Eine Niederlage, die Anlass zu leiser Hoffnung gibt: HSV – FC Bayern München 1:4 (0:1)

Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt – was wie ein vorweggenommenes Fazit klingt, galt schon vor dem Spiel. Hatte ich nach der Verletzung Zouas u.a. mit Maggio als vorderster Spitze gerechnet, so überraschte HSV-Trainer Slomka mit der Aufstellung gleich mehrfach:

Adler – Diekmeier (60. John), Westermann (76. Tah), Mancienne, Jiracek – Rincon, Tesche, Badelj, Calhanoglu – van der Vaart (67. Demirbay) – Ilicevic

Tesche ersetzte den gelbgesperrten Arslan; Rincon spielte statt Calhanoglu vor Diekmeier auf der rechten Außenbahn; Calhanoglu nahm stattdessen die Ilicevic-Rolle auf der anderen Seite, der linken Außenbahn ein, und Ilicevic ersetzte Zoua als vorderste Spitze. Nach den zuletzt gezeigten Leistungen erschien der Verzicht auf Maggio grundsätzlich als nachvollziehbar. Die daraus resultierenden Umstellungen waren angesichts der zuletzt gezeigten Leistungen folgerichtig. Für den Verzicht auf Jansen habe ich jedoch keine explizite Begründung gefunden. Nachdem ich hier aber bereits mehrfach festgestellt hatte, dass Marcels Spiel sehr stark von seiner körperlichen Verfassung abhängig ist, empfand ich auch diese Maßnahme Slomkas als absolut plausibel. Ein lediglich spielfähiger, aber nicht topfitter Jansen, das zeigte erst jüngst erneut das Spiel gegen die Wolfsburger, ist keine Verstärkung für die Mannschaft. Jiracek hingegen, auch wenn er kein gelernter Außenverteidiger ist, ist stets „bissig“ am Mann und somit ein passabler Ersatz.

Spielbericht: Wer auch dieses Mal mit einem frühen Rückstand für die Gastgeber gerechnet hatte, sah sich eines Besseren belehrt. Der HSV kam gut in die Partie und stand zunächst defensiv sicher. Endlich, endlich agierte man als ein geschlossenes Team. Nicht nur, dass die Abstände zwischen den einzelnen Spielern stimmten, auch die Mannschaftsteile blieben meist eng beieinander. Wahlweise presste man geschlossen offensiv (Oh, Wunder!), oder zog sich gemeinsam hinter den Ball und vor den eigenen Strafraum zurück. Vorne störten die lauffreudigen Ilicevic und van der Vaart immer wieder erfolgreich das Aufbauspiel des Gegners, ohne allein von den guten Wünschen ihrer Mannschaftskameraden begleitet zu werden. Im Ergebnis fanden die Bayern zunächst kaum Räume, um tatsächlich torgefährlich zu werden.

Gerade Ilicevic wirkte überaus engagiert. In der ersten Halbzeit suchte er aus jeder (un)denkbaren Lage den Torabschluss. Gelegentlich wirkte das etwas übermotiviert, aber wer will es ihm gegen einen Gegner verdenken, gegen den man gewöhnlich wenig Chancen erhält?! In der ersten Spielhälfte bot die Mannschaft m.E. die beste Teamleistung seit vielen Wochen. Das konnte sich wirklich sehen lassen. Immer wieder konnte das Spielgerät durch personelle Überzahl in Ballnähe oder gute Antizipation der Passwege des Gegners erobert und eigene Angriffsversuche gestartet werden. All dies war, ist und bleibt vor allem die logische Folge einer mannschaftlichen Geschlossenheit, der viel zitierten Kompaktheit (Wer in diesem Zusammenhang allein auf angeblich fehlenden Einsatzwillen einzelner Spieler abhebt, der sollte besser Hallen-Halma kommentieren.). Wenn man der Hamburger Mannnschaft für die erste Spielhälfte einen Vorwurf machen kann, dann ist es die Tatsache, dass die Mannschaft nach erfolgreicher Balleroberung offensiv wenig klare Möglichkeiten herausspielte. Aber hier ist dann eben auch zu berücksichtigen, welcher Gegner auf dem Feld stand.

So dauerte es mehr als eine halbe Stunde, bis die Bayern die hamburger Defensive erfolgreich überwinden konnten. In der 32. Minute konnten Götze und Robben trotz personeller Überzahl der Hamburger im Strafraum der Gastgeber Doppelpass spielen. Am Ende stand Götze frei vor Adler und schob an ihm vorbei aus fünf Metern in lange Eck. Das früher erwartete 0:1 für den neuen Deutschen Meister. Ärgerlich daran fand ich allein die Entstehung (Überzahl). Das war zu einfach und hätte vermieden werden können.  Immerhin dauerte es bis zur  40. Minute, bis es erneut im Strafraum der Hamburger brannte: Eine Freistoß-Flanke der Bayern von halblinks segelte quer durch den Sechzehner der Gastgeber an den rechten Pfosten. Robben legte per Kopf parallel zur Torlinie quer auf die andere Seite, wo Müller den Ball dann denkbar knapp neben den linken Pfosten am Tor vorbei setzte.

In der 42. Minute dann die beste Möglichkeit des HSVs zum Ausgleich. Tesche(?) bediente van der Vaart am Strafraum der Münchner. Van der Vaart dreht sich um seinen Gegenspieler und zog aus der Drehung mit seinem starken linken Fuß ab. Leider kam der Ball zu zentral auf das Tor. So konnte Neuer gerade noch den Arm hochreißen und diesen fulminanten Schuss über die Querlatte lenken. Eine Minute später bediente Calhanoglu Ilicevic. Ilicevic stand halblinks an der Grenze zum Strafraum und visierte das lange, obere Eck des Gästetores an. Leider verfehlte auch dieser Schuss letztlich das Ziel. Dennoch, nur 0:1 zur Pause –  das war fast mehr, als ich vor dem Spiel zu hoffen gewagt hätte.

In der Halbzeitpause (und kurz nach Wiederanpfiff zur zweiten Spielhälfte) kam es auf der Nordtribüne zu unschönen Szenen. Offenbar hatte einige Wirrköpfe ein oder zwei Banner mit der Aufschrift „A.C.A.B.“ aufgehängt. Diese Kürzel steht bekanntlich für die pauschal beleidigende Behauptung, „all cops are bastards „. Der Einsatzleiter der Polizei kam in einer für mich absolut nicht nachvollziehbaren Abwägung der Verhältnismäßigkeit zu dem Ergebnis, dass er seine Männer mit der Sicherstellung der Banner beauftragen müsse. So versuchten also mehrere Trupps in die beiden Blöcke einzumarschieren. Und es kam, was kommen musste. Ein vollbesetztes Stadion, bei dessen überwiegendem Teil der Zuschauer die Nerven ohnehin angesichts des Rückstandes und der Tabellensituation zum zerreißen gepannt gewesen sein dürften, und dann der Versuch, zweifellos idiotische, beleidigende Banner ausgerechnet von der Nordtribüne, der Heimstatt der Ultras zu entfernen. Es kam also zu einer absolut vorhersehbaren Eskalation. Die betroffenen Blöcke wehrten sich gegen das Eindringen der Polizei. Die Ordnungskräfte wiederum versuchten mit Zwangsmaßnahmen, zu denen auch der ausgiebige Einsatz von Pfefferspray gehörte, den Einsatzbefehl des Einsatzleiters umzusetzen. Das Resultat der Geschichte: unnötiger Krawall und dutzende Verletzte auf beiden Seiten, darunter auch vollkommen unbeteiligte Zuschauer. Man muss sich diese Rechtsgüterabwägung durch die Einsatzleitung mal auf der Zunge zergehen lassen: Wenn Gefahr für den Leib droht, z.B. durch das unsägliche Abbrennen von Pyrotechnik, passiert oft genug nichts oder zu wenig. Wenn man sich aber beleidigt fühlt, dann schickt man unverzüglich Hundertschaften ins Gefecht. Ich frage mich, wem ich hier weniger Verstand bescheinigen soll: Den Schwachköpfen, die derartige Banner im Stadion aufhängen, aber außerhalb des Stadions „privat“ nach der Polizei plärren, wenn es ihnen gerade passt? Oder der Einsatzleitung der Polizei, die, um eine Beleidigung durch ein Paar Hirnlose zu unterbinden, billigend in Kauf nimmt, dass dutzende wenn nicht gar hunderte vollkommen unbeteiligte Zuschauer zu Schaden kommen? Rechtsgüterabwägung und Verhältnismäßigkeit gehen in meinen Augen jedenfalls anders.

Zurück zum Spiel: In der 55. Spielminute bekam der FCB einen Eckstoß auf ihrer rechten Angriffseite zugesprochen. Die Hamburger zogen sich alle in Erwartung einer Flanke tief in den eigenen Strafraum rund um den eigenen Fünfmeter-Raum zurück.  Am rechten Eck des Sechzehners stand Götze mutterseelenallein und hatte nach der Ballanahme alle Zeit der Welt. Ein Anfängerfehler der HSV-Defensive, wie man ihn normalerweise nur im unterklassigen Jugendfußball sieht. Als Tesche endlich herausrückte,  war es im Prinzip schon zu spät. Götzes Schuss wurde von Müller entscheidend abgefälscht – das 0:2. Wahnsinn! Da verteidigt der HSV endlich, endlich als Team und schaufelt sich die Gegentore im Grunde selbst hinein. Als Betrachter stelle ich mir die Frage, wie Bundesligaspieler(!) derart „verteidigen“ können. Fühlt sich in einer solchen Situation keiner verantwortlich, oder gibt es keinen, der den Hinweis auf den freien Mann und das  Kommando gibt? Möglicherweise ist dies ein weiteres Indiz für eine suboptimale Struktur in dieser Hamburger Mannschaft. Aber das ist lediglich eine Spekulation meinerseits.

Slomka reagierte und brachte zunächst John für Diekmeier (60.). Rincon rückte nun zurück auf die Rechtsverteidiger-Position. Zu loben ist,  dass sich die Mannschaft des Hamburger Sportvereins trotz des Zwei-Tore-Rückstandes weder aufgab, noch grundsätzlich in die alten Fehler (fehlende Kompaktheit) verfiel. In der 67. Minute schoss der erneut starke Calhanoglu aus 16 Metern auf das Tor der Bayern. Neuer rette mit Mühe. In der 67. brachte Slomka dann Demirbay für Hamburgs Kapitän van der Vaart. „Raffa“, der bis dahin (meist zusammen mit Ilicevic) unermüdlich versucht hattte, den Spielaufbaus der Bayern zu stören, schien mit seinen Kräften (Verletzungshistorie) zunehmend  am Ende.
Die Bayern überließen nun den Gastgebern untypischerweise ein wenig das Spiel. In der 72. Spielminute zeigten sie dann, dass sie unverändert auch kontern können. Robben lief den Hamburgern auf und davon. Seinen Schuss konnte Adler zwar noch mit Mühe parieren, doch der Abpraller kam zum aufgerückten Müller. Der passte zu Götze, der erneut völlig frei halbrechts im Strafraum stand. 0:3 – so einfach kann das gehen.

Nur zwei Minute später dann die Antwort der Hamburger: Der junge Demirbay lief über die rechte Hamburger Außenbahn und ließ erfolgreich hintereinander drei Bayern aussteigen. Sein Seitenwechsel fand Calhanoglu. Dieser zog von der linken Außenbahn am Sechzehner nach innen und schoss für Neuer unhaltbar ins lange Eck. „Nur“ noch 1:3 für den Favoriten (72.) Ein aus meiner Sicht gleich in mehrfacher Hinsicht ganz wichtiger Treffer. Zum einen legte er die Grundlage dafür,  dass sich so die Niederlage in Grenzen hielt, was mit Blick auf die Tabelle und dort die Tordifferenz von Bedeutung ist, zum anderen dürfte er damit den Frust des Hamburger Publikums ein wenig in Grenzen gehalten haben…

Nur drei Minuten später lief der gerade eingewechselte Pizarro Mancienne davon und schoss auf das Hamburger Tor. Adler konnte den Schuss mit äußerster Mühe gerade noch parieren, aber der Ball sprang nach vorne hoch weg – kein Vorwurf an dieser Stelle. Pizarro schaltete blitzschnell und netzte per Fallrückzieher aus ca. 8 Metern. Mit dem 1:4 (75.) war dann allen vielleicht gerade aufkeimenden Hoffnungen der Hamburger auf ein Unentschieden der Zahn gezogen. Zu diesem Zeitpunkt, eine Viertelstunde vor Schluss, befürchtete ich kurzfristig, dass dieses Spiel vielleicht doch noch in einem Debakel für den HSV enden könnte, was ich mit Blick auf die über weite Strecken gute Mannschaftsleistung des Hamburger Sportvereins als sehr schade empfunden hätte. Möglichkeiten dazu waren vorhanden:  In der 80. Minute hätte es m.E. Elfmeter für den FC Bayern geben können, nachdem Jiracek links außen, aber klar innerhalb des eigenen Strafraums, Bayern-Kapitän Lahm zu Fall brachte. Gab es aber nicht, zum Glück für den HSV. Und nur drei Minuten später (83.) düpierte der formidable Götze Badelj in Nähe der Eckfahne und Torauslinie, rechts vom Hamburger Tor aus gesehen,  mit einem Beinschuss. Die Bayern ließen für einen Moment ihr circensisches Können aufblitzen und kombinierten munter innerhalb des Hamburger Strafraums. Doch wieder hatte der HSV Glück. Ihr Abschluss rauschte am Ende folgenlos über das Tor ihrer Gastgeber.

Den Schlusspunkt setzten dann Demirbay und Boateng. Der Hamburger war im Sechzehner der Gäste zu Fall gekommen. Es entwickelte sich ein Wortgefecht zwischen Kerem und Jerôme, an dessen Ende beide Kontrahenten Stirn an Stirn voreinander standen und vermutlich Nettigkeiten austauschten. Boateng ließ sich zu einer Schlagbewegung (Ohrfeige) hinreißen. Das Resultat: gelbe Karte für Demirbay und glatt Rot für Boateng (86.). Ab diesem Zeitpunkt waren die nun in Unterzahl spielenden Bayern verständlicherweise vorrangig um Ergebnissicherung bemüht. Bemerkenswerte Höhepunkte waren daher nicht mehr zu notieren.

Schiedsrichter: Fritz (Korb). Mit einer dem Spielfluss dienenden, großzügigen Regelauslegung. Der nicht gegebene Elfmeter für den FCB ist diskutabel.

Fazit: Im Fernduell der abstiegsgefährdeten Mannschaften darf sich der HSV getrost als Gewinner des Spieltages fühlen. Es ist zum verrücktwerden! Hätte der HSV als Mannschaft in dieser Saison häufiger derart kompakt gespielt, man hätte diverse Punkte mehr auf dem Konto.
Wenn dem HSV doch noch der Klassenverbleib gelingen sollte, dann nur deswegen, weil die Mitkonkurrenten, Braunschweig und Nürnberg, ebenfalls ihre Chancen verpassten. Besonders bitter bestraft wurden die Braunschweiger, die erst in der Schlussphase ihrer Partie gegen den FCA (beim Stand von 0:0!) eine eigene, große Torchance zu dem dann wahrscheinlichen Sieg vergaben, und die dann in der 90+5. Minute (!) durch das 0:1 für den FCA sogar noch als Verlierer vom Feld gingen.
Wider Erwarten hat der HSV also vor der letzen regulären Partie der Saison sein Schicksal in den eigenen Händen. Tritt er als Mannschaft so auf, wie vor allem in der ersten Spielhälfte, so könnte er durchaus auch auswärts gegen die „05er“ punkten. Das wird sicher kein leichter Gang, da Mainz mit 50 Punkten auf Platz sieben nur einen Punkt vor dem FCA steht und sicher diesen Platz, der bekanntlich zur Teilnahme an der EuroLeague berechtigt, mit Macht verteidigen will. Aber vor allem bei den tapferen Braunschweigern muss man damit rechnen, dass sie gegen die nicht mmer sattelfeste Hoffenheimer Defensive evtl. eine Überraschung schaffen könnten. Gelingt dem HSV jedoch in Mainz wenigstens ein Unentschieden, so dürfte selbst ein Sieg der Braunschweiger für den Dino folgenlos bleiben. Ansonsten bliebe alles wie es ist. Verlieren alle drei abstiegsgefährdeten Mannschaften, so hätte der HSV  – trotz erbärmlich schwacher Saisonausbeute von 27 Punkten! – das erste Etappenziel erreicht. Für mich ist und bleibt entscheidend, auch mit Blick auf etwaige Relegationsspiele, ob die Mannschaft die mannnschaftliche Geschlossenheit endlich nachhaltig auf den Platz bringen kann. Gelingt dies, so könnte der Abstieg doch noch vermieden werden. Gelingt dies nicht, so hat man auch nichts anders verdient.
Mein Eindruck ist, dass Tesche, auch wenn er beim 0:2  eindeutig mitbeteiligt war, klarere Bälle spielt als Arslan. Ginge es allein nach mir, so würde ich im Hinblick auf das entscheidende Spiel gegen Mainz, abhängig vom Fitnesszustand Jansens, höchstens einen Wechsel auf der Linksverteidiger-Position in Erwägung ziehen. Aber natürlich könnte Slomka auch durch Verletzungen anderer Spieler zu weiteren Umstellungen gezwungen sein.

DAS RESTPROGRAMM

16. Hamburger Sportverein (27 Pkt; -23):
1. FSV Mainz 05 (A)

17. 1.FC Nürnberg (26 Pkt; -30)
FC Schalke 04 (A)

18. Eintracht Braunschweig (25 Pkt; -29):
1899 Hoffenheim (A)